Etappe 16: Grenze zu Malaysia – Singapur

Unser Aufenthalt in Malaysia fing verheißungsvoll an: Als wir nach einer Nachtfahrt mit dem Bus um 5 Uhr morgens im Zentrum von Kuala Lumpur ankamen, hielt sich unsere Lust, nun noch 40km mit dem Fahrrad bis zu unserem Hostel ganz im Süden der Stadt zu fahren, doch recht in Grenzen. Also zog Sascha los und suchte ein Taxi, das groß genug für all unser Equipment war, während ich bei unserem Gepäck wartete. Tatsächlich kam Sascha auch kurze Zeit später auf dem Beifahrersitz eines Kleinbusses angebraust. Als der Taxifahrer dann jedoch ausstieg und unsere Räder mitsamt aller Taschen sah, stieß er nur ein undefinierbares Geräusch irgendwo zwischen Verärgerung und Unglauben aus, drehte auf dem Absatz um und fuhr ohne ein weiteres Wort davon. Tja, für uns bedeutete das, dass wir wohl doch in den sauren Apfel beißen und die Strecke bis zu unserem Hostel selber fahren müssen würden. Angenehm war es nicht, da Kula Lumpur absolut nicht für Radfahrer oder auch Fußgänger ausgelegt ist. So fuhren wir in der aufkommenden Morgendämmerung über vierspurige Autobahnen und schmuggelten uns zwischen ein paar Moped-Fahrern durch mehrere Mautstationen hindurch. Es dauerte zwar so seine Zeit, doch gegen 9 Uhr morgens erreichten wir dann endlich vollkommen erschöpft unser Hostel.

Für eine Verschnaufpause blieb nicht viel Zeit, denn schon am nächsten Tag ging es auf nach Borneo! Unsere Fahrräder und den Großteil unseres Gepäcks durften wir freundlicherweise im Hostel zwischenlagern, während wir uns auf zum nahe gelegenen Flughafen machten und dort John und Susi trafen. Es tat unwahrscheinlich gut, seit einer so langen Zeit endlich mal wieder vertraute Gesichter zu sehen und gleichzeitig fühlte es sich an, als wären wir nie weg gewesen. Mit dem Flieger ging es ab nach Kota Kinabalu, ganz im Westen von Sabah. Von hier aus starteten wir unseren 10-tägigen Urlaub, der aus einer tollen Mischung aus gechilltem Entspannungsprogramm und Dschungel-Abenteuer bestand. Vor der Küste von Kota Kinabalu gingen wir auf einer der zahlreichen Inseln schnorcheln, gingen im Kundasang Nationalpark wandern, besichtigten heiße Quellen und wagten uns auf Canopy-Walks durch die Wipfel der riesigen Urwaldbäume. In Sepilok besuchten wir das dortige Orang-Utan-Center und bewunderten die Kletterkünste dieser verblüffend menschenähnlichen Tiere. Danach ging es für drei Tage in ein entlegenes Dschungelcamp direkt am Kinabatangan-Fluss. Geschlafen wurde hier in sehr einfachen Holzhütten. Für jeden Besucher lag eine simple Matratze sowie ein Moskitonetz bereit, welches in der Nacht nicht nur ungebetene Blutsauger, sondern auch kuschelwütige Ratten aus den Betten fernhielt. Das Wasser zum Waschen kam direkt aus dem Fluss, die Duschen bestanden aus großen Holzfässern, und Schöpfbechern, mit denen man sich das Wasser über den Kopf kippen konnte – zwar simpel, aber es tat seinen Dienst. Während dieser drei Tage bekamen wir eine Vielzahl exotischer Tiere zu Gesicht, darunter mehrere Affenarten, Krokodile, Papageien, zahlreiche Raubvögel, und vor allem eins: Spinnen.

Unser Guide, dessen Name so kompliziert war, dass wir ihn alle einfach nur „M“ nennen durften, gab sich sowohl beim nächtlichen Dschungel-Trekking als auch während der geführten Bootstouren durch die schlammigen Wellen des Flusses größte Mühe uns Alles über die hiesige Flora und Fauna zu erklären. Zu der Zeit, als wir dort waren, hätte eigentlich die Regenzeit schon in vollem Gange und der Wasserpegel des Flusses deutlich erhöht sein sollen. Doch auch (oder gerade) Borneo bleibt vom Klimawandel natürlich nicht verschont und so war bis zu unserem Besuch noch immer kein Tropfen Regen gefallen und der Fluss ungewöhnlich flach. Bei einer nächtlichen Bootstour musste M deswegen mehrmals aus dem Boot herausspringen und es von Sandbänken herunterziehen. Da der Kinabatangan-Fluss Heimat zahlreicher Krokodile ist und wir gleich an unserem ersten Tag hatten erleben dürfen, wie groß diese Tiere hier werden können, stieg der kollektive Puls unserer Gruppe jedes Mal in die Höhe, wenn M wieder ins Wasser sprang und aufgeregt suchten wir dann mit unseren Taschenlampen das Wasser um ihn herum ab, ob wir vielleicht irgendwo das ein oder andere Augenpaar leuchten sahen, dass sich M näherte. Die einzigen Krokodile, die wir bei diesem Ausflug zu Gesicht bekamen, waren aber zum Glück noch zu klein als dass sie ihm ernsthaft hätten gefährlich werden können.

Der schon erwähnte Klimawandel beschäftigte uns hier in Borneo mehrmals, vor allem als wir merkten, welche enormen Flächen an heimischem Regenwald hier bereits dem Anbau von Palmen zur Gewinnung von Palmöl weichen mussten. Um den Schein für die Touristen aufrecht zu erhalten, hatte man oft in erster Reihe noch ein paar Reste des Urwaldes stehen lassen und dann erst in zweiter Reihe angefangen Alles niederzubrennen und dem Erdboden gleichzumachen, um im nächsten Schritt dann gigantische Flächen nur mit Palmen zu bestücken. M erzählte uns, dass Palmöl die Haupt-Einnahmequelle in Borneo sei und dass die findigen Produzenten heutzutage oftmals einfach andere Bezeichnungen für Palmöl auf die Etiketten ihrer Produkte druckten, seit vor allem in Europa zahlreiche Menschen angefangen hatten Produkte zu boykottieren, die Palmöl enthielten. Nachdem wir nun mit eigenen Augen gesehen hatten, welche katastrophalen Auswirkungen Palmöl auf die Nachhaltigkeit unserer Umwelt hat, nahmen auch wir uns vor, in Zukunft mehr darauf zu achten, solche Produkte nicht zu konsumieren.

Als krönenden Abschluss unserer Borneo-Rundreise fuhren wir nach Turtle Island, eine Insel, die -wie der Name schon sagt- berühmt dafür ist, dass hier jedes Jahr hunderte von Schildkröten an Land kommen um ihre Eier am Strand im Sand zu vergraben und eine neue Generation von Schildkröten heranwachsen zu lassen. Vor allem wir Menschen haben unter anderem durch die Verschmutzung der Meere und illegalen Handel leider dafür gesorgt, dass die Schildkröten in Borneo akut vom Aussterben bedroht sind. Deshalb wurde auf Turtle Island eine Aufzuchtstation ins Leben gerufen, die dieser Entwicklung entgegenwirken soll. Die Mitarbeiter hier ziehen jede Nacht über die Insel, vermessen die Weibchen, die sich mühsam an Land hieven und hier ihre Eier in tiefen Löchern vergraben, buddeln dann, wenn die Mütter wieder fort sind, die Eier aus und bringen sie in sicherere Sandgruben, wo sie vor natürlichen sowie menschlichen Räubern geschützt sind. Wir durften Zeuge eines solchen Spektakels werden und erlebten zudem noch, wie eine Gruppe ganz frisch geschlüpfter Schildkröten-Babies in die Weiten des Ozeans entlassen wurde.

Viel zu schnell endete damit unser Borneo-Aufenthalt auch schon wieder. Während John und Susi noch eine Woche länger auf der Insel blieben, kehrten Sascha und ich nach Kuala Lumpur zurück um die finale Etappe unserer Fahrradtour in Angriff zu nehmen. Wieder auf den Sattel zu steigen fiel uns zugegeben doch etwas schwer, obwohl wir gleichzeitig dem Moment unserer Ankunft in Singapur entgegenfieberten und auch nur noch knapp 500km vor uns hatten. Das Fahrradfahren in Malaysia blieb leider auch nach Kuala Lumpur weiterhin sehr hektisch und anstrengend. Natürlich hätten wir uns für unsere letzten Fahrradtage ein paar kleinere, entspanntere Straßen mit schönen Wildcampingplätzen gewünscht, doch wir waren vorab schon von anderen Reisenden vorgewarnt worden, dass dies in Malaysia eher Wunschdenken bleiben würde. Also nahmen wir stattdessen größtenteils mit geschäftigen Straßen und günstigen Hotels Vorlieb. Kilometer für Kilometer steuerten wir so auf unser Ziel zu, bis wir irgendwann tatsächlich über die Brücke von Malaysia nach Singapur fuhren. Je näher wir dem Zentrum Singapurs kamen, desto höher ragten die Häuser um uns herum in die Höhe und desto dichter wurden die Menschenmassen. Wie oft wir uns diesen Moment vor unserem inneren Auge vorgestellt hatten! Gerade in den vorangegangenen paar Tagen hatten wir viel über diesen Moment gesprochen und waren dabei teilweise schon richtig emotional geworden. Doch jetzt, wo wir tatsächlich hier waren und durch die belebten Straßen auf unseren Zielpunkt zufuhren, wirkte das alles seltsam gewöhnlich. Obwohl ich aktiv versuchte mir bewusst zu machen, was dieser Moment gerade für eine Bedeutung hatte, fühlte es sich doch einfach nur so an, als wäre das hier nur eine weitere von vielen großen Städten, in die wir hinein fuhren um hier ein paar Tage zu verbringen und dann wenig später wieder weiter zu fahren – so, wie wir das innerhalb des letzten Jahres schon so oft getan hatten. Aber so war es nicht; das hier war das Ende – unser Ziel, das zu erreichen uns so viel Mühe, Schweiß und Nerven gekostet hatte und das uns gleichzeitig so unglaublich bereichert hatte! Verschwitzt und glücklich schoben wir unsere treuen Gefährten die letzten Meter durch Scharen von Menschen, von denen uns der ein oder andere doch einen leicht irritierten Blick zuwarf. Vor dem Hotel, in dem wir mit Saschas Eltern verabredet waren, stellten wir ein letztes Mal unsere Räder ab und fielen uns dann etwas ungläubig aber mächtig stolz in die Arme. Wir hatten es geschafft!

Was wir von dieser Reise tatsächlich mitnehmen werden, werden wir wahrscheinlich erst in den nächsten Wochen oder gar Monaten wirklich verstehen. Verändert hat uns diese Reise auf jeden Fall und gelernt haben wir mehr, als ein einziger Kopf manchmal überhaupt verarbeiten kann: Wir haben gelernt, mit wie wenig man ein erfülltes Leben führen kann und wie wichtig es ist, sich immer wieder an seine Grenzen zu bringen und sich aus seiner Komfortzone herauszubewegen; gleichzeitig haben wir aber auch gelernt, wie wertvoll gewisse Annehmlichkeiten sind und wie alles andere auf einmal zweitrangig wird, solange bestimmte Grundbedürfnisse wie das Bedürfnis nach Sicherheit, Nahrung oder Hygiene, nicht gedeckt sind.

Eine ganze Menge hat sich durch diese Reise geändert: Die Maßstäbe, an denen wir uns und andere messen; unsere Beziehung zueinander, die Art wie wir miteinander kommunizieren und der Grad des Vertrauens, das wir ineinander haben; die Wertschätzung für die Natur und unsere Umwelt und die Einsicht wie wichtig und drängend es ist, diese zu schützen; die Motivation, uns selber gesellschaftlich zu engagieren anstatt immer nur auf die Politik oder „das System“ zu schimpfen und die Erkenntnis, dass jede Aufgabe zu schaffen ist, solange man sie nur Schritt für Schritt und mit einem gesunden Sturkopf angeht. Wir haben gelernt wie wichtig Sprache ist, wie groß oftmals die Differenz zwischen der Politik eines Landes bzw. dem Bild, das es nach außen abgibt und der tatsächlichen Bevölkerung ist und wie hinderlich das ständige „Schubladendenken“ist, dessen wir uns vor der Reise doch des öfteren bedient haben anstatt uns die Mühe zu machen jeden Menschen einzeln zu betrachten. Wir haben gelernt wie kostbar Zeit ist, wie wertvoll Gesundheit ist und wie viel schöner es ist Momente und Erfahrungen gemeinsam teilen zu können. Wir haben beide eine klarere Vorstellung davon bekommen, wie wir uns unsere Zukunft vorstellen und wie unser Leben einmal aussehen soll. Die Hochs, die wir auf dieser Reise erlebt haben, waren höher als wir sie je in Deutschland erlebt haben, aber die Tiefs gleichzeitig auch umso tiefer. Der Wechsel zwischen diesen Extremen ist es, der uns erst so wirklich wertschätzen und realisieren lässt, was wir haben. Diese Erkenntnis gilt es nun in Deutschland auch in unserem dortigen Alltag zu verwerten und umzusetzen. 

In mancher Hinsicht erscheint uns die Aufgabe, bald in Deutschland ein sesshaftes und dennoch aufregendes, aktives und mit Abenteuern gespicktes Leben aufzubauen, schwieriger als die gesamte Tour, die hinter uns liegt. Aber auch diese Herausforderung werden wir nach dem altbewährten Motto angehen: Schritt für Schritt.

 

 

 

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Etappe 15: Pakse – Grenze zu Malaysia

Nachdem wir uns in Pakse drei volle Pausentage gegönnt hatten, ging es weiter Richtung Süden. Kurz vor der Grenze zu Kambodscha machten wir einen Abstecher auf die Insel Don Det, was eines der absoluten Highlights unseres Südostasien-Trips werden sollte. Die Insel allein schon bezauberte uns mit ihrer atemberaubenden Natur und einer einzigartig friedlichen Atmosphäre. Bei einer ganztägigen Kanutour bekamen wir dann auch noch die seltenen Mekong-Delfine zu Gesicht, besuchten mehrere spektakuläre Wasserfälle und bekamen ein Rundum-Sorglos-Paket mitten im Paradies geliefert. So fiel es uns dann tatsächlich etwas schwer, nach nur zwei Tagen schon wieder Abschied von diesem einzigartigen Ort zu nehmen und das nächste Land unserer Reise in Angriff zu nehmen: Kambodscha.

Unsere Erwartungen an Kambodscha waren zugegeben ziemlich hoch. Durch die großartigen Erfahrungen, die wir in Vietnam und Laos gemacht hatten, gingen wir davon aus, dass Kambodscha ganz ähnlich sein würde. Vor allem von der Landschaft erhofften wir uns so einiges – und wurden hierbei herbe enttäuscht: Dass die Straßen vielleicht nicht ganz so gut sein würden wie in Vietnam, damit hatten wir gerechnet. Was uns aber völlig unvorbereitet traf, war die Tatsache, dass der komplette Urwald, der die weiten Flächen um uns herum einst bedeckt haben musste, nun systematisch verbrannt und zu einem häßlichen Acker aus verkohlten Büschen und Asche verwandelt wurde. Natürlich waren wir Brandrodungen auch schon zuvor begegnet, aber noch nie in diesem Ausmaß. Täglich fuhren wir an kilometerlangen Aschefeldern vorbei und nicht selten direkt an den offenen Flammen. Jeden Abend, wenn wir erschöpft unser Lager aufschlugen, wuschen wir uns notdürftig eine unansehnliche Mixtur aus Schweiß und zerriebener Asche von unseren Körpern und sehnten uns wie so oft nach einer Dusche oder wenigstens einer kleinen Wasserstelle. Diese waren jedoch äußerst schwer zu finden, genau so wie Supermärkte oder wenigstens kleine Straßenläden, in denen wir unsere mageren Vorräte auffüllen konnten. In weiser Voraussicht hatten wir uns in Don Det noch mit mehreren Laiben Brot und haltbaren Frischkäseecken zu einem völlig übertriebenen Preis eingedeckt. Nach den ersten anstrengenden Kilometern in Kambodscha rissen wir voller Vorfreude während der Mittagspause dann die erste Packung auf und fanden einen komplett verschimmelten Klumpen Käse vor. Auch alle anderen Packungen hatten das gleiche Schicksal erlitten und waren – wie wir leider erst jetzt feststellten – schon seit fast einem Jahr abgelaufen. Ein ganz schöner Dämpfer für unsere Motivation, denn nicht nur hatten wir dafür unnötig viel Geld rausgeworfen, sondern hieß es ab nun also doch wieder: Trockenes Weißbrot mit künstlicher Marmelade zum Frühstück, Kekse zum Mittag und Nudeln mit Ketchup zum Abend – wunderbar!

Mit den Menschen in Kambodscha kamen wir nicht wirklich viel in Kontakt. Einerseits, weil wir mit recht hohem Tempo durch das verkohlte Land fuhren und uns im Scheuklappen-Modus durch die sengende Hitze kämpften. Andererseits begegneten uns die Menschen in Kambodscha aber auch wesentlich reservierter als noch die Laoten. Hatten wir in Laos die Menschen noch dafür bewundert, dass diese immer mit einem Lächeln auf den Lippen durch das Leben gingen und auch dem hundertsten Touristen noch freundlich entgegentraten, so zuckten bei den Kambodschanern nicht einmal die Mundwinkel nach oben (außer bei den Kindern, die uns nach wie vor enthusiastisch entgegenbrüllten). Stattdessen mussten wir bei jedem noch so kleinen Straßenladen darum feilschen, nicht 2€ pro Liter Wasser zahlen zu müssen und wurden bei unserem Hostel in Siem Reap darauf hingewiesen, dass wir uns ja auch ein andere Unterkunft suchen könnten, als wir nach einem sichereren Stellplatz für unsere Fahrräder fragten als die Parklücke direkt an der Straße. Immerhin war die Tempelanlage von Angkor Wat wirklich beeindruckend und bescherte uns doch noch einen schönen letzten Tag in diesem Land. Unsere Beine beschwerten sich zwar ein wenig, dass sie an einem Pausentag hunderte Stufen rauf und wieder runter klettern mussten, die Aussichten von den Spitzen der Tempel und die imposante Baukunst waren das jedoch wert.

Weiter ging es dann nach Thailand. Innerhalb weniger Minuten nach Überquerung der Grenze wussten wir, dass wir die ärmlichen Länder mit schlechten Straßen und einer dürftigen Infrastruktur nun endgültig hinter uns gelassen hatten. An jeder Ecke wartete ein 7Eleven auf uns, in dem wir zumindest die Grundnahrungsmittel alle zuverlässig besorgen konnten, die Straßen waren top und die Menschen wieder viel zugänglicher und neugieriger. Besonders angenehm war auch, dass fast jeder hier zumindest ein paar Worte Englisch konnte und das ständige Pantomime-Ratespiel somit endlich ein Ende hatte. Da unser Treffen mit John und Susi in Kuala Lumpur schnell näher rückte und wir uns zudem den Stress ersparen wollten, schon wieder mit dem Fahrrad in eine chaotische Millionenmetropole hineinzufahren, steuerten wir Pattaya an, um von dort aus die Fähre nach Hua Hin zu nehmen und so Bangkok weiträumig zu umschiffen.

In Pattaya selbst waren wir etwas von der Anzahl alter Männer (vorrangig Deutsche und Engländer) schockiert, die sich hier mit jungen Thailänderinnen vergnügten und keinen Hehl daraus machten, zu welchen Konditionen das Ganze ablief. Für mich hatte das jedoch den Vorteil, dass es hier eine ganze Menge englischsprechender Ärzte gab. Seit meiner letzten Erkältung an Weihnachten hatte ich permanent ein schweres Druckgefühl auf meiner Brust und Atembeschwerden gehabt. Seitdem hatte ich während des Fahrradfahrens entweder alle paar Minuten mehrmals hintereinander gähnen müssen oder per Schnappatmung möglichst viel Luft in meine Lungen saugen müssen, um das Gefühl niederzuringen bald zu ersticken. Da die Krankenhäuser, die wir in Laos und Kambodscha zu Gesicht bekommen hatten, bloße Holzhütten mit einem einzelnen Stahlbett darin gewesen waren, und meine Beschwerden nicht so penetrant waren, dass ich damit nicht mehr weiterfahren konnte, hatte ich es vorgezogen lieber 1,5 Monate lang damit weiter durch die Gegend zu radeln und zu warten, bis wir einen passenden Arzt ausfindig machen konnten. In Pattaya fanden wir dann endlich einen ebensolchen. Der gebürtige Schweizer hörte meine Lunge ab und führte mehrere Bluttests durch. Am Ende kam er zu der Diagnose, dass ich mir wohl einen Virus eingefangen hatte und mein Körper aufgrund der einseitigen Ernährung an einem Vitaminmangel litt und dadurch nicht in der Lage gewesen war, den Virus vollständig zu bekämpfen. Also verschrieb er mir ein paar Tage Ruhe und Vitamintabletten.

Nach der Überfahrt nach Hua Hin ging es dann auf direktem Weg Richtung Süden. Was Thailand zu einem besonders angenehmen Land für Radreisende macht, ist, dass es hier in regelmäßigen Abständen immer wieder toll in Schuss gehaltene, kostenlose Campingplätze gibt. Die Plätze lagen jedes Mal in Bestlage direkt am Meer, meistens innerhalb eines Naturreservats oder Nationalparks und hatten nicht nur Toiletten und Waschbecken sondern sogar heiße Duschen zu bieten – ein wahrer Luxus! So wurde das Fahren in Thailand (bis auf die Straßenhunde) zu einem reinen Vergnügen und wir bedauerten es ein bisschen, nicht mehr Zeit zu haben, um mehr von diesem Land mitnehmen zu können. Wahrscheinlich habe ich das schon bei viel zu vielen Ländern geschrieben, durch die wir bisher gereist sind, aber auch in Thailand wird dies nicht unser letzter Besuch gewesen sein.

 

 

 

Etappe 14: Hekou – Pakse

Nach 3 Monaten China war es nun endlich soweit: Wir hatten tatsächlich Vietnam und somit Südostasien erreicht und vor uns lag eine neue Etappe, die mit wunderschöner Natur, gutem Essen und netten Menschen darauf wartet, erfahren zu werden! Voller Vorfreude rollten wir daher über die Grenz in Hekou, der letzten Stadt in China, hinein nach Vietnam. Die Grenzer auf beiden Seiten waren überaus freundlich und so verlief alles reibungslos, sodass wir schon bald vietnamesischen Boden unter unseren Rädern hatten.

Es war mal wieder verrückt, was ein paar hundert Meter Luftlinie ausmachten. Sofort spürte man die westliche und liberale Prägung von Vietnam, die im starken Kontrast zu China stand. Seit Monaten hatten wir keine westlichen Touristen gesehen und so saßen wir grinsend in der Bahnhofshalle von Lao Cai, als wir die ersten Backpacker sahen und freuten uns über ein Stückchen Heimat. Daher störten es uns auch nicht, dass uns eine holprige Zugfahrt bevorstand, die uns von der Grenze nach Hanoi bringen sollte, da es nur hier möglich war die lädierte Hinterradnarbe von mir wechseln zu lassen. 11.000 Kilometer haben wohl doch ihre Spuren hinterlassen.

In unserem AirBnB-Apartment in Hanoi angekommen, waren wir dann zunächst etwas überrascht, wie klein es doch war. Mehr als 4 mal 4 Meter in seinen Grundabmessungen waren es dann doch nicht und die zweite „Etage“ war auch eher auf vietnamesische Körpergrößen ausgelegt. Wir nahmen es jedoch mit Humor, gaben die Fahrräder zur Reparatur, wechselten später noch einmal das Apartment und genossen die schönen vietnamesischen Cafés. Mehr und mehr spürte ich jedoch den Anflug einer Grippe, die sich dann auch auf Belle übertrug. Unser Reisefluss erhielt dadurch mal wieder einen kleinen Dämpfer, gleichzeitig verschaffte die ungeplante Pause Belle jedoch auch die Gelegenheit, sich auf ein Skype-Bewerbungsgespräch für ein duales Masterstudium vorzubereiten, welches im Oktober startet. Glücklicherweise verlief das Gespräch super, Belle bekam die Zusage und so feierten wir etwas verschnupft aber glücklich in dieser von Rollern und TukTuks wuselnden Metropole dieses vorzeitige Weihnachtsgeschenk.

Insgesamt dauerte unser Aufenthalt in Hanoi 3 Wochen und als alle wieder einigermaßen gesund waren und die Räder wieder auf Vordermann gebracht worden waren, ging es weiter Richtung Süden. Durch die Grippe waren wir etwas in Zeitverzug gekommen, wodurch uns leider nur wenige Tage blieben um die Grenze zu Laos zu erreichen, bevor unsere Visum ablief. Auf dem Weg dorthin ging es durch Reisfelder, die die viel befahrene Straße säumten und die Campingplatzsuche oft etwas schwieriger gestalteten. Daher waren wir froh als wir zu Heiligabend einen schönen ruhigen Platz an einem Fluss für unser Zelt Pierre fanden und mit den Gedanken an unsere Familien einschliefen. Etwas überraschend war es dann jedoch um 4 Uhr früh zu spüren, dass sich die Isomatte langsam in ein Wasserbett verwandelte. Scheinbar gibt es in Vietnam Ebbe und Flut und obwohl wir 15 Kilometer im Landesinneren unser Lager aufgeschlagen hatten, blieben wir von den Folgen nicht verschont. Das zuvor pupstrockene Plätzchen verwandelte sich blitzschnell zu einer knietiefen braunen Matschsuppe und wir waren im Nachhinein heilfroh, dass nicht mehr kaputt gegangen ist als nur ein kleiner Zusatz-Laptop, den ich primär zum Programmieren dabei hatte.

Getreu nach dem Motto „Irgendwas ist immer“ überstanden Belle und ich auch diese unruhige Nacht und machten uns nach einer ausgiebigen Putzaktion auf in die diesigen aber ruhigen Berge von Vietnam. Sie werden die letzten ernst zu nehmenden Höhenmeter vor Singapur sein und verrückterweise trafen wir hier ein Schweizer Radlerpaar, welches wir zuletzt in Duschanbe in Tadjikistan getroffen hatten, als sich beide zum Pamir aufmachten. Die Welt ist kleiner als man denkt…

So endete das Kapitel Vietnam mit einem nebligen Pass und dem Grenzübergang nach Laos, welches uns mit wunderschöner Natur, wenig Verkehr und Rückenwind empfing. Die Landschaft war plötzlich vollkommen anders, der dichte Dschungel reichte direkt an die Straße heran und wir genossen die Ruhe, als wir durch märchenhafte Seenlandschaften rollten. Auch die Laoten waren von einem vollkommen anderen Schlag als die Vietnamesen. Ein freundliches „Sabaidee“ (Hallo) war überall zu hören und die gesamte Atmosphäre des Landes war sehr viel entspannter. Ein absoluter Genuss, der leider ein wenig durch eine Reifenpanne bei Belle getrübt wurde, da sich bei ihrem neuen Reifen die Innenseite des Mantels löste und sie nun mit einer dicken Unwucht im Rad Richtung Thakhek hubbeln musste. Man lernt wirklich, mit Ruhe solchen Problemen zu begegnen, auch wenn das heißt, zwei Tage unterwegs zu sein, um in der Hauptstadt einen neuen Mantel zu besorgen, was wir schlussendlich taten. Die Belohnung folgte dann in Form einer leckeren Pizza und einem großartigen Rollerausflug nach der Ankunft in Thakhek, wo Belle das erste Mal in ihrem Leben selber Roller fuhr. Wir genossen es sehr, zur Abwechslung mal ohne Anstrengungen Laos zu erkunden. Als sich allerdings das Fahrgefühl schlagartig änderte, hielten wir auf der staubigen Junglestrasse an und begutachteten, was mit dem Roller los war – der Hinterreifen war vollkommen platt. Das waren wir dann zunächst auch, aber geübt wie wir sind, hielten wir einfach den nächsten Pickup an und verhandelten mit dem Fahrer den Preis, um bis zur nächsten Werkstatt mitgenommen zu werden, welche ca. 14km entfernt lag. Dieser verlangte zunächst einen vollkommen überzogenen Preis den wir aber auf umgerechnet 4 Euro herunter handeln konnten, was in Laos immer noch ein kleines Vermögen ist. Dies dämpfte unser Bild der Laoten ein wenig, weil wir danach mehrere ähnliche Situationen hatten, was aber vielleicht auch normal ist in einem Land, in dem der Tourismus gerade erst beginnt, Fuß zu fassen. Nichts desto trotz schafften wir es, unseren Schlauch, bei dem das Ventil abgerissen war, wechseln zu lassen und weiter durch Laos zu düsen. Am Abend durften wir noch ein paar Kletterern zusehen, wie sie die umgebenden Felswände bestiegen. Wir kommen wieder!

Die nächsten Tage strampelten wir wieder aus eigener Muskelkraft Richtung Süden, immer am Mekong entlang. Es wurde zunehmend heißer und die Strecke war verhältnismäßig  eintönig, was jedoch von vielen freundlichen Schulkindern, die „Sabaideeee“ schreiend ihr HighFive abholen wollten, unterbrochen wurde. Staubig und verschwitzt erreichten wir schlussendlich Pakse, die südlichste Großstadt (wenn man das so nennen kann) von Laos mit rund 120.000 Einwohnern, und genossen die wohlverdiente Dusche und das leckere laotische Essen.

Vor uns liegt nun Kambodscha, das mittlerweile neunzehnte Land unserer Reise. Manchmal schauen wir auf die Karte und denken uns: „Verrückt wie weit wir schon gekommen sind.“ Es ist nun nicht mehr weit bis Singapur und wir freuen uns auf das, was kommen wird.

 

 

 

Etappe 13: Lanzhou – Hekou

Okay, zugegeben: Vielleicht haben wir China ein bisschen unterschätzt. Nachdem wir die Schotterpisten in Kirgistan und die Hitze in Tadschikistan und im Iran überstanden hatten, waren wir davon ausgegangen, dass China ein Klacks wird: Gute Straßen, eine ordentliche Versorgungslage, milderes Klima und so weiter. Tja, es hat sich wieder einmal gezeigt, dass man sich vorher nie so wirklich vorstellen kann, wie so eine Reise oder auch nur einzelne Etappen ablaufen werden, bevor man es nicht tatsächlich selber getan hat.

Die Wüstenetappe hatte uns schon so einiges abverlangt und so gönnten wir uns in Lanzhou eine ausgedehnte Pause (oder zumindest fünf Tage). Wir waren gut im Zeitplan und optimistisch, dass wir die restliche Strecke gut und ohne allzu viel Stress bewältigen könnten, wenn wir nur jeden Tag konstant unser Pensum absolvierten – leichter gesagt als getan. Gleich am ersten Tag nach Lanzhou ging es rauf in die Berge, bei inzwischen deutlich kälteren Temperaturen. An sich kein Problem, hätten wir nicht gleich in der ersten Nacht erfolgreich unsere Isomatten in ein paar Dornen platziert, sodass wir dann die nächsten drei Nächte bei Minusgraden auf einem gefrorenen Boden schlafen mussten, nur mit unseren Klamotten als Isolierschicht dazwischen. Wie zu erwarten erwischte mich deshalb wenige Tage später eine deftige Erkältung und so waren wir gezwungen fast eine ganze Woche in Minyang Pause zu machen, bis zumindest das Gröbste überstanden war – tja, eine weitere Lektion die ich auf die harte Tour lernen musste: Fahre nie weiter, bevor du nicht wieder zu 100% fit bist. Denn es kam wie es kommen musste und nach nur zwei Fahrtagen hatte mich die Erkältung wieder fest im Griff und so mussten wir eine weitere ungeplante Pause in Longnan einlegen.

Allmählich dämmerte uns, dass wir so beim besten Willen nicht mehr die gesamte Strecke fahren können würden und so überwanden wir uns schließlich dazu unseren falschen Stolz hinunterzuschlucken und die ca. 500km von Longnan nach Chengdu mit dem Zug zurückzulegen. Glücklicherweise ist das Zugnetz in China auch wirklich sehr gut und unkompliziert. Unsere Fahrräder wurden einen Tag vor uns mit einem extra Gepäckzug nach Chengdu kutschiert, sodass wir sie bei unserer Ankunft einen Tag später gleich einsammeln und mit zum Hotel nehmen konnten. In Chengdu gaben wir uns das volle Touri-Programm und besuchten die Research Base of Giant Panda Breeding, was ich jedem nur wärmstens empfehlen kann. Anschließend ging es wieder auf unseren Drahteseln weiter, in der Hoffnung, dass uns jetzt etwas wärmere Temperaturen erwarten würden. Streckentechnisch wurde es auf jeden Fall sehr viel schöner als in den vergangenen Wochen. Anstatt der viel befahrenen, hektischen Bundesstraßen fuhren wir nun wieder auf kleinen, ruhigeren Straßen durch tolle Landschaften, konnten beobachten wie die Vegetation um uns herum immer tropischer wurde und bekamen ein paar schöne Einblicke in das ländliche Leben der Menschen in China. Das Wetter war jedoch weiterhin nicht besonders campingfreundlich. Vor allem in den Tagen bevor wir Zhaotong erreichten ging es noch einmal ein paar 3000er-Pässe hinauf und damit auch wieder in sehr nasskaltes, nebliges Wetter. Obwohl wir unsere Schlafsäcke jeden Mittag während der Pause lüfteten, wurden sie nie richtig trocken, genauso wie unsere Klamotten. Der letzte Tag, an dem wir abends nicht vor Kälte zitternd vor unserem Kochtopf gesessen hatten, war inzwischen mehrere Wochen her. Zu allem Überfluss mussten wir dann auch noch feststellen, dass die Bundesstraße auf den letzten Kilometern vor Zhaotong gesperrt war und wir dadurch einen weiteren 3000er-Pass und einen Fahrtag extra auf uns nehmen mussten. Unsere Motivation dafür war doch recht überschaubar und so hielten wir zwei Chinesen in einem Pickup an und bezirzten sie, uns nach Zhaotong mitzunehmen. Von hier aus nahmen wir dann erneut den Zug, diesmal nach Kunming und gelangten dadurch endlich wieder in wärmere Gefilde.

Die restlichen 400km bis zur vietnamesischen Grenze waren dann aber noch einmal ein wahres Highlight und eine Belohnung für alle Strapazen der letzten Wochen. Zwar ging es nach wie vor stetig auf und ab und wir schrubbten noch einmal so einige Höhenmeter, doch die fantastische Landschaft um uns herum ließ die Anstrengung in den Hintergrund rücken. Wir fanden ein paar wunderschöne Campingplätze, konnten endlich wieder bis spät abends vor dem Zelt sitzen und mussten nun nicht mehr in klammen Schlafsäcken schlafen. Vor allem der allerletzte Tag war besonders eindrucksvoll. Von etwa 2000 Metern Höhe ging es auf einer fantastischen Abfahrt hinab nach Hekou (auf etwa 80 Metern Höhe). Mit jedem Kilometer vermischten sich die Nadelwälder immer mehr mit Regenwald, bunten Blumen und dem ein oder anderer exotischen Vogel, den wir noch nie vorher gesehen hatten. Selbst auf den letzten Kilometern machte China es uns zwar nicht leicht, da es mir noch einen platten Reifen und Sascha eine kaputte Lagerschale bescherte, jedoch ließen wir uns nach einem so tollen Tag davon auch nicht mehr aus der Ruhe bringen. Stattdessen luden wir die beiden Räder für die letzten 60 Kilometer auf einen Pickup, dessen Fahrer uns freundlicherweise bis nach Hekou mitnahm und genossen dort dann eine ausgiebige Dusche.

Alles in Allem verlief China sehr viel anders als erwartet und war einfach aufgrund seiner schieren Größe vielleicht sogar das anspruchvollste Land bisher. Einerseits hatte es zwischenzeitlich doch etwas an meinem Stolz gekratzt, dass wir es nicht schafften, die gesamte Strecke auf dem Fahrrad zurückzulegen. Gleichzeitig hatte ich aber auch noch nie eine Etappe erlebt, auf der es mir so schwer gefallen war, mich zum Fahrradfahren zu motivieren. Klar, einzelne Tage, hatte es schon zuvor immer mal gegeben, doch da war die Motivation immer wieder gekommen, sobald wir die ersten paar Kilometer hinter uns gebracht hatten. In China jedoch erlebten wir beide zum ersten Mal ganze Tage und Wochen, in denen das Fahren uns als reines Pflichtprogramm vorkam und wir uns nur noch selten an der tollen Landschaft oder den netten Menschen um uns herum erfreuen konnten. Woran genau das liegt, kann ich auch jetzt immer noch nicht sagen. Klar, das Wetter war nicht allzu schmeichelhaft und mit einer angeschlagenen Gesundheit macht alles immer ein bisschen weniger Spaß. Aber diese Situation hatten wir auch schon in Europa gehabt und hatten trotzdem noch Freude am Fahren. Lag es also an China? Sicherlich gab es ein paar Dinge, die uns immer mehr nervten, je länger wir in diesem Land verweilten. So zum Beispiel die Tatsache, dass wir als Ausländer von mehreren Hotels abgewiesen wurden, die scheinbar strikt nur für chinesische Einwohner sind, oder dass wir an etlichen Tankstellen ohne extra Polizeierlaubnis kein Benzin für unseren Campingkocher bekamen.  Oder das komplett andere Verständnis von Privatsphäre, welches dazu führte, dass wir kontinuierlich, bei allem, was wir taten, fotografiert oder gefilmt wurden – sei es beim Einkaufen im Supermarkt oder beim Suppe Essen in der Wartehalle des Bahnhofs. Gleichzeitig jedoch  hatten wir seit wir in Urumqi James und Micha verlassen hatten, keine einzige Person mehr getroffen, die auch nur ansatzweise Englisch sprechen konnte. Oft versuchten wir stattdessen mit unserer Übersetzungs-App mit Leuten zu kommunizieren, doch viele Chinesen schienen noch nicht einmal zu verstehen, dass wir eine ganz andere Sprache sprechen als sie. So passierte es ständig, dass sie uns irgendetwas auf Chinesisch sagten, wir ihnen dann zu verstehen gaben, dass wir ihre Sprache nicht verstehen können und sie dann einfach ihre Worte in Chinesisch in ihr Handy tippten, als ob wir das dann auf einmal lesen könnten.

Ich möchte keineswegs ein negatives Bild von China und seinen Menschen zeichnen, da wir auch etliche tolle Momente hier erleben durften. Gerade, wenn wir Hilfe brauchten, wurden immer sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt um uns zu unterstützen und generell wurden wir überall immer sehr herzlich und freundlich empfangen. Wahrscheinlich war es einfach die Kombination aus den kalten Temperaturen, dem ständigen Zeitdruck aufgrund des begrenzten Visums, den Erkältungen und dem doch sehr deutlichen kulturellen Unterschied, die es dann irgendwann anstrengender machte als anfangs gedacht. Noch nie hatten wir auf dieser Tour so viel Zeit in einem einzigen Land verbracht und so waren wir bisher meist schon wieder aus einem Land heraus gewesen, bevor uns gewisse Kleinigkeiten wirklich auf die Nerven gehen konnten. Hier in China waren wir jetzt volle drei Monate mit diesen Umständen konfrontiert ohne uns Abwechslung verschaffen oder einfach das Land wechseln zu können. Trotzdem möchten wir diesen Teil der Reise nicht missen und sind froh diese Etappe doch so gut gemeistert zu haben.

Da das Angebot an Fahrradläden hier in Hekou sehr zu wünschen übrig lässt und wir mit Saschas Fahrrad in seinem momentanen Zustand nicht weiterfahren können, werden wir nun wohl noch einmal in den Zug steigen, direkt nach Hanoi fahren, dort alles wieder auf Vordermann bringen und dann mit funktionierenden Fahrrädern und aufgefüllten Kraftreserven in die neue Etappe in Südostasien starten.

 

 

 

Etappe 12: Scharkent – Lanzhou

Auf die chinesische Grenze zuzufahren war eines der surrealsten Gefühle der gesamten bisherigen Reise. Während wir uns über kasachische Holperstraßen kämpften, ragten in der Ferne die ersten Hochhäuser in den Himmel und wir wussten, dass jetzt noch einmal eine ganz andere Reise beginnen würde.

Die Grenzkontrolle war strenger als bei allen bisherigen Grenzübertritten: Wir mussten unsere Fingerabdrücke abgeben, unser gesamtes Gepäck wurde mehrmals gescannt und sogar unsere Handys wurden nach auffälligen Dateien (oder was auch immer die Beamten dort befürchteten) durchsucht. Als sie unseren Laptop sahen, verzogen sich ihre Gesichtszüge schlagartig und nahmen einen leicht panischen Zug an. Wir verstanden erst gar nicht warum, bis wir sahen, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte: Vorne auf dem Laptop hatte Sascha schon seit Langem einen Sticker kleben. Er zeigte einen oberkörperfreien, dickbäuchigen Kim Jong-un, wie er auf einem Sessel trohnte – darüber die Überschrift „Chill Like Kim“. Während wir uns innerlich das Lachen verkneifen mussten, versicherten wir den Beamten hoch und heilig, dass wir nicht wüssten wer dieser Mann sei und dass wir den Sticker geschenkt bekommen hatten, was uns tatsächlich auch geglaubt wurde. So konnten wir dann also endlich nach China einreisen!

Direkt nach der Grenze trafen wir zu unserer Freude auf zwei weitere Fahrradfahrer: Michael aus Deutschland und James aus England. Während wir darauf warteten, dass ein weiterer Beamter noch unsere Handynummern aufnahm und Fotos von uns machte, beschlossen wir, bis Urumqi zusammen weiterzufahren. Vor dieser Etappe hatten wir alle etwas Respekt, da sie durch die Region Xinjiang führt, die für ihre starke Polizeipräsenz bekannt ist. Den Berichten anderer Reisender zufolge kommt es hier wohl regelmäßig vor, dass Radfahrer teilweise für mehrere hundert Kilometer von Polizeiautos eskortiert werden, manchmal auch direkt von ihnen eingeladen und bis in die nächste Stadt kutschiert werden und nicht selten gezwungen werden in teuren Hotels zu übernachten anstatt campen zu dürfen, was jedoch offiziell legal ist.

Tatsächlich gerieten auch wir dann mehrmals in solche Polizeicheckpoints. Wäre auch verwunderlich gewesen, wenn nicht, denn ein solcher Checkpoint steht hier an jeder Tankstelle, jeder Mautstation, jedem Ortseingang und noch an vielen weiteren Stellen. Jedoch waren die Kontrollen wesentlich harmloser als wir befürchtet hatten, vor allem weil die Polizeibeamten durchweg unglaublich freundlich zu uns waren. Während wir oft über eine Stunde lang warten mussten, während wir beim jeweiligen Checkpoint registriert wurden, versorgten uns die Beamten mit Getränken, manchmal sogar mit ein paar Snacks und versicherten uns jedes Mal, dass uns nichts Schlimmes passieren würde. Generell hatten wir auch ziemlich viel Glück und wurden bei den meisten Kontrollen nach einer gewissen Wartezeit einfach weiter gewunken. Einen Tag erlebten wir jedoch, der alle anderen in den Schatten stellte und der bei uns dann doch den Wunsch aufkommen ließ, Xinjiang möglichst schnell hinter uns zu lassen:

Es fing damit an, dass wir nach nur 5 Kilometern Fahrt gleich am Morgen in den ersten Checkpoint kamen. Er war am Ortseingang einer größeren Stadt, in der wir neuen Proviant besorgen wollten. Etwa eine halbe Stunde mussten wir warten, bis die übliche Registrierung abgeschlossen war. Danach durften wir jedoch nicht einfach weiter fahren sondern bekamen eine Polizeieskorte, hinter der wir bis zu einem Supermarkt hinterherfahren mussten. Selbst im Laden ließ uns der Beamte nicht aus den Augen und eskortierte uns auch danach noch mehrere Kilometer, bis wir wieder die Stadtgrenze erreichten. Nur knapp eine Stunde später gelangten wir zum nächsten Checkpoint. Hier blieb uns zwar diesmal die Eskorte erspart, doch auch diesmal mussten wir wieder fast eine Stunde warten, bis wir unsere Reise fortsetzen durften. Immerhin ließ eine der Beamtinnen Sascha per google translate wissen, dass er ein „very handsome man“ sei – so etwas gäbe es in Deutschland wohl auch nicht. Um nach all der Warterei wieder etwas Zeit gutzumachen, stahlen wir uns wieder zurück auf die G30, den großen Highway, auf dem man am leichtesten viel Strecke in kurzer Zeit machen konnte. Lange blieb uns das Glück jedoch nicht vergönnt, da wir schon bei der nächsten Mautstelle wieder von ein paar Polizisten runter geschmissen wurden, nicht ohne die obligatorische vorherige Registrierung, natürlich. Über holprige Feldwege kämpften wir uns somit als wieder zurück auf die kleinere Nationalstraße, nur um kurz darauf schon wieder in den nächsten Checkpoint zu gelangen. Inzwischen war es schon nach 18 Uhr, unsere Beine entsprechend müde und unsere Mägen hungrig. An diesem Checkpoint mussten wir fast 1,5 Stunden warten um dann gesagt zu bekommen, dass die Beamten uns mitsamt Fahrrädern in ein Auto einladen und bis zur nächsten Distriktgrenze fahren wollen. An sich hatten wir nichts dagegen, doch als wir auf den Parkplatz gelangten, erwartete uns dort ein Polizeiauto von der Größe eines VW Caddy – und da sollten vier Radfahrer inklusive Rädern und Gepäck plus der Polizeibeamte hineinpassen! Niemals! Das machten wir dann auch dem zuständigen Polizisten klar. Wir fragten, wie weit es denn bis zur nächsten Grenze sei und als er „10 Kilometer“ antwortete, konnten wir ihn davon überzeugen für diese Strecke einfach hinter uns her zu fahren und uns so zu eskortieren. Also schwangen wir uns wieder auf die Räder, schalteten Lichter und Kopflampen an, da es inzwischen schon dunkel wurde und machten uns auf den Weg. Nach den vereinbarten 10 Kilometern machte der Polizist jedoch keine Anstalten anzuhalten und uns unsere Ausweise wieder zurückzugeben. Nach weiteren 5 Kilometern reichte es uns dann und wir hielten am Straßenrand an, obwohl der Polizist uns konstant durch seine Lautsprecher mit einem genervten „go, go, go!“ antrieb. Inzwischen war es stockdunkel, wir hatten schon knapp über 100 Kilometer auf dem Tacho und seit dem Mittag nichts mehr gegessen. Nach einigem Hin und Her gestand der Polizist schließlich ein, dass es wohl anstatt der behaupteten 10 Kilometer fast 40 bis zum nächsten Checkpoint seien, zu dem er uns eskortieren wolle. Das war definitiv zu viel für uns und inzwischen bei der Dunkelheit auch zu gefährlich. Trotz aller „Überredungsversuche“ seitens des Polizisten (im Grunde genommen wiederholte er einfach nur alle paar Minuten sein „go, go, go“-Mantra) weigerten wir uns deshalb noch weiter zu fahren. Wir boten an, hier an Ort und Stelle unsere Zelte aufzuschlagen und dann morgen die restlichen Kilometer zurückzulegen, was jedoch auf wenig Zustimmung stieß. Es dauerte eine weitere halbe Stunde bis der Polizist schließlich ein zweites Auto anforderte, in das wir dann zwei der Räder mitsamt Gepäck verluden, während die anderen beiden in das erste Auto verfrachtet wurden. Ja, auf die Idee hätte man eventuell auch früher kommen können aber dieses Kommentar haben wir uns dann besser verkniffen.

Mit Blaulicht und Elektromusik ging es dann also noch 25 Kilometer weiter bis zum nächsten Checkpoint. Auch hier erwartete uns wieder die übliche Registrierungs-Zeremonie. Bis wir wieder aus dem Polizeigebäude herauskamen und die Taschen auf unsere Fahrräder luden, war es kurz vor Mitternacht. Mit knurrenden Mägen fuhren wir erneut los, fanden aber glücklicherweise nur ca. 1 Kilometer später ein kleines Wäldchen, in dem wir unsere Zelte aufschlagen wollten. Gerade schoben wir unsere Räder darauf zu, als wir von der Straße her ein Hupen und laute Rufe hörten: Ein Polizist saß dort auf seinem Motorrad und pfiff uns zurück. Das Herz sackte uns allen in die Hose und resigniert schlurften wir zum Straßenrand zurück. Ironischerweise stellten wir fest, dass der Polizist genau derselbe war, der 10 Minuten zuvor noch unsere Personalien aufgenommen hatte. Trotzdem tat er so, als wüsste er nicht wer wir seien und sammelte erneut all unsere Ausweise ein. Offensichtlich war der Mann gerade auf dem Heimweg gewesen und hatte uns nur per Zufall gesehen. Während in Deutschland jeder andere Beamte wahrscheinlich imaginäre Scheuklappen angelegt hätte und einfach vorbeigefahren wäre um endlich in seinen wohlverdienten Feierabend zu kommen, war bei diesem Exemplar hier das Pflichtbewusstsein wohl so übermächtig, dass er das nicht mit sich vereinbaren konnte. Gleichzeitig schien er aber auch keinen Plan zu haben, was er jetzt mit uns anstellen sollte, weshalb er erst einmal Verstärkung rief. Fünf Minuten später kam diese in Form von drei weiteren Beamten auch schon mit Blaulicht herangerauscht. Sofort kam die Diskussion auf, ob man uns wieder in ein Auto verfrachten und dann zum nächsten Hotel kutschieren solle. Daraufhin erwiderten wir aber,  dass wir nicht bereit seien mehr als 50 Yuan (etwa 6 Euro) für eine Übernachtung zu bezahlen, was ihnen gleich wieder den Wind aus den Segeln nahm. Niemand der vier Beamten schien hoch genug in der Rangfolge zu stehen um hier eigene Entscheidungen treffen zu dürfen, weshalb sie ihren Vorgesetzten kontaktierten und dann über eine halbe Stunde lang auf dessen Antwort warteten. Inzwischen war es 1 Uhr nachts, als auf einmal ein Anruf kam und alles ganz schnell ging: Der Chef der vier Polizisten gab offenbar sein Okay, dass wir hier campen dürften, denn plötzlich hielten wir alle unsere Ausweise wieder in der Hand und zwei Sekunden später waren die Polizisten davongebraust. Wir waren von dieser plötzlichen Wendung völlig überrumpelt, sprangen aber sofort auf und schlichen uns ohne Kopflampen im Dunkeln in die Büsche um auch ja nicht noch einmal gesehen zu werden. Endlich konnten wir unsere Zelte aufstellen und zu Abend essen – zur Feier des Tages mal etwas ganz Ausgefallenes: Instant-Nudelsuppe von der Tankstelle. Bis wir in unseren Schlafsäcken lagen war es 2 Uhr.

So sahen natürlich (und zum Glück!) nicht alle Tage aus. Dieser hier war bei Weitem der Anstrengendste und Polizei-reichste gewesen. Trotzdem waren wir heilfroh als wir am nächsten Tag dann endlich Urumqi erreichten. Wenige Tage später, in Turpan, wurde Sascha von einer Grippe erwischt, die sich eine Woche lang hartnäckig hielt und uns ein wenig in unserem Zeitplan zurückwarf. In jedem anderen Land hätte uns eine einwöchige Fahrpause – noch dazu in einem so schönen Hostel wie wir es in Turpan hatten – nicht im Geringsten gestört. Hier in China jedoch kam bei uns leichte Nervosität auf, ob wir es jetzt noch schaffen würden die insgesamt ca. 5000 Kilometer innerhalb der 90 Tage, die uns durch das Visum vorgegeben waren, zu bewältigen. Glücklicherweise blieben wir bei unserer Weiterfahrt größtenteils von dem kräftigen Gegenwind verschont, der typischerweise in einigen Gebieten der Wüste Gobi wütet und schon so manchen Radfahrer zum Verzweifeln gebracht hat. So stellte sich bei uns schnell eine zugegeben etwas eintönige Routine ein:

  • Aufstehen um 7 Uhr
  • Frühstück (meist bestehend aus Milchbrötchen oder anderen süßen Snacks von der Tankstelle, alternativ auch Instant-Nudelsuppe)
  • Ca. 3 Stunden Fahrradfahren
  • Mittagspause (optimalerweise an einer Raststätte mit angeschlossenem Restaurant, ansonsten mitten au dem Seitenstreifen)
  • noch einmal ca. 3 Stunden Fahrradfahren
  • Abendessen (typischerweise Nudeln mit Ketchup, ansonsten die altbewährte Instant-Nudelsuppe).

Wir hatten definitiv schon einmal spannendere Etappen gehabt und waren noch nie so froh gewesen, dass es so etwas wie Podcasts und Spotify gibt. Dafür kamen wir aber auch sehr schnell voran und erreichten pro Fahrtag einen Schnitt von 109 Kilometern. Aus Mangel an Alternativen schliefen wir immer entweder in Tunneln, die unter dem Highway hindurchführten oder direkt an Raststätten. Die Chinesen begegneten uns durchweg sehr freundlich. Fast täglich bekamen wir von ihnen Obst oder andere Knabbereien geschenkt. Da Englischkenntnisse hier absolute Mangelware sind (ein paar Beispiele dazu gibt es unten bei den Fotos), war ein oberflächlicher Smalltalk mit Händen und Füßen leider immer das Maximum, was an Konversation möglich war.

Eine Sache, die nach wie vor gewöhnungsbedürftig ist, ist die komplett andere Wahrnehmung von Privatsphäre. Dass Menschen oft Selfies mit uns zusammen machen wollen, sind wir inzwischen gewohnt. Hier in China sind es jedoch nicht nur Selfies. Egal ob wir gerade im Supermarkt nach Essen suchen oder draußen vor der Tankstelle unsere Instant-Suppe genießen, ständig strecken die Chinesen uns ihre Handys entgegen und machen ungefragt Fotos von uns. Wir hatten sogar einige Fälle, in denen jemand per Facetime festhielt, wie wir zum Beispiel unser Zelt hinter einer Raststätte aufstellten und es in Echtzeit zu seinen Freunden übertrug. Die öffentlichen Toiletten sind ein weiterer Punkt: Davon abgesehen, dass es weder Toilettenpapier noch Seife gibt, haben manche Klokabinen noch nicht einmal Türen. Im Boden verläuft eine breite Rinne, in die man sich erleichtert. Zwar sind einzelne Zellen durch eine Trennwand separiert, sodass einem wenigstens der Anblick auf das nackte Hinterteil seiner Vorderfrau erspart bleibt, zur Seite hin sind die Kabinen jedoch offen, sodass jeder, der vorbei läuft, einen ungehinderten Ausblick hat. Dass es in China nicht als eklig angesehen wird auf den Boden zu spucken, war mir bereits vorher bewusst. Was mich dann aber doch ein bisschen überraschte, war die Inbrunst und Häufigkeit, mit der man das hier tut sowie die Tatsache, dass selbst Fußböden in Restaurants oder generell innerhalb von Gebäuden nicht davon verschont bleiben. Aber ja, auch für solche Erfahrungen macht man solch eine Reise … oder?

Inzwischen sind wir nun also in Lanzhou angekommen. Momentan steht die Frage im Raum, ob wir die komplette restliche Strecke mit dem Fahrrad zurücklegen oder für einen Teil den Zug nehmen werden. Auch wenn die kommenden Etappen deutlich bergiger sein werden als die bisherigen, könnten wir es rein zeitlich wahrscheinlich schaffen. Dann hätten wir allerdings kaum noch Zeit uns auch die Städte einmal näher anzusehen und dürften uns pro Woche nur einen Pausentag erlauben. Für viel Touristenprogramm wäre da nur noch wenig Zeit. Selbst drei volle Monate sind also wohl doch nicht genug um dieses riesige und beeindruckende Land in seiner vollen Gänze zu erfahren.

 

 

 

 

Etappe 11: Bishkek – Scharkent

Endlich ging es nach langer Fahrradfahrabstinenz und vielen Unterbrechungen nun wieder auf die geliebten Drahtesel, die uns in einer großen Schleife durch Kirgistan und den äußersten Osten von Kasachstan an die chinesische Grenze und somit an das Ende der zweiten Etappe bringen sollten. Noch immer etwas traurig, dass wir ohne unsere flauschige Begleiterin Ginny weiter fahren mussten, aber trotzdem mit einer großen Portion Vorfreude ging es von Bishkek, der Hauptstadt Kirgistans, aus in die Berge. Der erste Vorgeschmack auf die atemberaubende aber auch anstrengende kirgisische Berglandschaft ließ dann auch nicht lange auf sich warten, als wir den Too Ashu Pass mit seinen 3500 Höhenmetern in Angriff nahmen. Unter den verwunderten Blicken zahlloser Wildpferde kämpften wir uns innerhalb von 2 Tagen den Pass hinauf. Leider war es etwas verregnet, was die Aussicht aber nur spektakulärer machte, da die Wolken die umliegenden 4000er nur schemenhaft oder für einen kurzen Augenblick frei gaben und so einen Blick auf die frischen Schneefelder ermöglichten. Auf der Abfahrt war es dann spürbar kalt und seit langem mussten wir unsere Handschuhe und Gamaschen, die sich in den hintersten Winkeln unserer Taschen verbargen, hervorholen, um die Abfahrt in die nun folgende Hochebene genießen zu können.

Abzweigend von der asphaltierten Hauptstraße holperten wir weiter Richtung Osten und holpern ist eine nette Umschreibung für die Straßen Kirgistans. Denn sobald man die Hauptstraßen hier verlässt, wird man von Schotterstraßen jeglicher Couleur begrüßt. So ging es auf einer zunächst noch angenehmen Piste durch verträumte Sowjet-Dörfer, vorbei an winkenden Kindern und reitenden Kirgisen, bei denen Belle oft sehr neidisch wurde, denn so über die grasbewachsenen Hochebenen zu fetzen, ließ dann schnell Zweifel an der Wahl des momentanen Fortbewegungsmittels aufkommen. Unbeeindruckt davon brachten uns unsere treuen Begleiter jedoch tiefer und tiefer in das kirgisische Hinterland. Entlang von türkisblauen Flüssen, rot-braunen Felsformationen und schneebedeckten Gipfeln genossen wir es endlich wieder unterwegs sein zu können. Auch die Zeltplatzsuche gestaltete sich vollkommen unproblematisch denn die grünen abgegrasten Wiesen waren wie geschaffen für unser Zelt Pierre und sollte dann doch ein Kirgise unser Nachtlager entdecken, winkte er nur freundlich und machte sich anschließend auf zu seiner Jurte. Man merkt diesem Teil Kirgistans seine nomadischen Wurzeln jederzeit an und uns hat die Ausgeglichenheit und Freundlichkeit der Nomaden wirklich sehr beeindruckt. Jedoch hoffen wir, dass dies auch weiterhin so bleiben wird, denn immer mehr und mehr Touristen entdecken diesen „Geheimtipp“ für sich und es bleibt abzuwarten wie die Lokalbevölkerung mit dieser Entwicklung umgeht.

So haben wir dann auch Maria kennen gelernt, eine deutsche Radfahrerin aus Berlin, die uns die nächsten Tage zum Song-Köl, einem Bergsee in der Mitte Kirgistans, begleiten sollte. Die Strecke zu unserem Zwischenziel hat uns dann auch einiges abverlangt, denn es ging über grobe Schotterpisten auf einen 3400 Meter hohen Pass hinauf und als ob dies nicht schon anstrengend genug wäre, wurden wir konstant von alten Kamaz-Trucks aus der Sowjetzeit begleitet, die Kohle aus der benachbarten Miene abholten. Die Staubwolken, die diese Ungetüme aufgewirbelten, hüllten uns jedes Mal für einige Sekunden ein und der Staub kroch nach und nach in jede Ritze. Daher half auch das abendliche Waschen im Fluss nicht sonderlich, da dieser voller Kohle-Sedimente war.

Endlich schafften wir es zu dritt dann nach zwei anstrengenden Tagen zum Bergsee, der gerade von der untergehenden Sonne wie zur Belohnung in ein rot-goldenes Licht gehüllt wurde. Eingerahmt wurde dieser See von einer Kette von 5000ern und einem Hochplateau, auf dem sich hunderte Wildpferde tummelten und hin und wieder ein paar Jurten zu finden waren. Atemberaubend und wirklich eines der Highlights unserer bisherigen Reise! So beschlossen wir nach den Anstrengungen der letzten Tage hier einen Pausentag einzulegen und den Staub von unseren müden Gliedern zu waschen. Tags darauf sagten wir Maria Lebewohl und machten uns über zwei weitere 3000er Pässe auf weiter Richtung Osten. Nach und nach leerte sich unsere Essenstasche spürbar und so mussten wir die verbleibenden Fladenbrote und Wurst rationieren, damit die Nahrung ausreichte, um uns über die bevorstehenden Gipfel und in die nächste Stadt zu bringen, in der wir einen Kiosk vermuteten. Denn Einkaufsmöglichkeiten sind hier rar gesät und wenn dann mal ein „Magazin“ zu finden ist, gibt es entweder Kekse, Alkohol oder Kippen – nicht sehr nahrhaft. Dennoch waren wir überglücklich unverhofft auf unserem Weg auf einen kleinen Laden zu stoßen, der natürlich auch Kekse führte. Glücklich über die kulinarische Abwechslung bescherte uns auch der aufkommende Regen keine schlechte Laune. Als wir jedoch den 3000er Pass bezwungen hatten und in die nächste Stadt fahren wollten, wurde der Regen stärker und stärker und so wurde es auf der Abfahrt sehr sehr ungemütlich. Die schöne Berglandschaft interessierte uns daher kaum noch, als wir nass bis auf die Unterhose bei einem kleinen Restaurant ankamen, das glücklicherweise auch ein paar Zimmer vermietete. Und das Beste, sie hatten eine heiße Dusche! Nachdem wir das Bad in eine Dampfsauna verwandelt hatten und unsere nassen Klamotten kreuz und quer im gesamten Zimmer zum Trocknen verteilt hatten, fielen wir vollkommen erschöpft in die Betten und erwachten zu einem strahlend blauem Himmel, der so tat als wenn nie etwas gewesen wäre.

Nun hatten wir auch die Nebenstrassen hinter uns gelassen und rollten ausnahmsweise über perfekten Asphalt, den die Chinesen auf Grund einer neuen Initiative „The New Silk Road“ (zu deutsch: die neue Seidenstraße) verlegt haben, um in den Nachbarländern chinesische Waren besser an den Mann bringen zu können, hinunter zum Issyk-Köl, dem größten See Kirgistans. Obwohl uns viele Touristen von der Schönheit dieses Sees berichtet hatten, empfanden wir ihn im Vergleich zum Hinterland als relativ unspektakulär, genossen allerdings das all-abendliche Baden im See, als es für uns weiter Richtung Karakol im Norden Kirgistans ging. Dort machten wir nun endlich eine ausgiebige Pause und erholten uns von den Strapazen Kirgistans. Und das Beste war, dass das Hostel ein Pferd und einen Hund hatte, der einem quer durch die ganze Stadt folgte. So genossen wir die Pause mit gutem Essen, Hundespaziergängen, Pferdestreicheleinheiten und dem entspannten Schlafen in einer Jurte, in der wir am Morgen vom Hund lieb geweckt wurden.

So neigte sich auch das Kapitel Kirgistan mehr und mehr dem Ende zu, als wir von Karakol aus Richtung Norden fuhren und noch einmal einen wunderschönen Abend auf einem Wildcampingplatz verbrachten. Aber auch die Straßen verschlechterten sich wieder zunehmends. Es war so als würde Kirgistan nochmal sagen wollen: „Du willst schöne Landschaften und Natur? Dann verdien sie dir!“ Alles in Allem war Kirgistan neben Georgien bisher das absolute Highlight der Reise und so hatten wir keine hohen Erwartungen an Kasachstan, da wir mental sowieso schon in China waren.

Doch hielt Kasachstan eine schöne Überraschung für uns parat und zwar lag auf dem kurzen Weg, den wir durch dieses riesige Land nahmen, eines der beliebtesten Touristenziele. Der Scharyn-Canyon ist eine kleine Variante des Grand Canyon und war ein wirklich lohnendes Zwischenziel auf dem Weg nach China. Die rötlichen Gesteinsformationen bilden durch die Witterung besonders in einem Teil des Canyons freistehende Felstürme, die so aussehen als hätte ein Riese mit seinem Hammer Skulpturen für die Ewigkeit geschaffen. Sehr beeindruckend aber auch sehr beschwerlich, denn den ganzen Weg den wir in den Canyon hinunter gerollt waren, mussten wir am nächsten Tag natürlich wieder hoch. Glücklicherweise fuhr gerade ein Rangerfahrzeug der Parkleitung von unserem Campingplatz los, als wir uns auf dem beschwerlichen Anstieg machen wollten und nach ein bisschen Verhandlungsgeschick befanden sich unsere Fahrräder und wir auf der Mitfahrgelegenheit Richtung Canyon-Ausgang. Glücklich über diesen Zufall nahmen wir dann die letzten zwei Fahrtage in Angriff und so sind wir nun in Scharkent kurz vor der chinesischen Grenze in einem schönen Hotel angekommen. Die zweite Etappe ist somit so gut wie geschafft und wir sind unglaublich stolz auf uns und dankbar denjenigen, die uns so weit unterstützt haben.

Möge die dritte Etappe bis nach Singapur auch so reibungslos und mit solch schönen Momenten verlaufen, wie die bisherige. Wir sind gespannt. Auf geht’s nach China!

 

 

Etappe 10: Duschanbe – Bishkek

Der Flug von Teheran nach Duschanbe verlief erstaunlich reibungslos – selbst unsere Fahrräder überstanden die Reise ohne einen einzigen Kratzer, was für uns eine Premiere beim Reisen mit Fahrrädern darstellt! Der Flughafen in Duschanbe gab uns gleich eine Vorahnung davon, was uns in dieser „Weltstadt“ wohl erwarten würde: Bis auf die Passagiere, die mit uns im selben Flieger angekommen waren, war die Ankunftshalle wie leer gefegt. Während wir fast 1,5 Stunden am Schalter warteten um offiziell nach Tadschikistan einreisen zu dürfen, landete kein einziges anderes Flugzeug mehr in der Hauptstadt Tadschikistans. Es wäre nicht verwunderlich, wenn unseres an diesem Tag sogar das Einzige war. Nach der Großstadthektik in Teheran und Isfahan kam uns diese ungewohnte Stille, ja fast schon Lethargie, allerdings gerade recht. Kaum hatten wir all unser Gepäck wieder eingesammelt und durch die Ausgangstür geschoben, wurden wir auf einmal umringt von einer Schar Taxifahrer, die alle darauf brannten uns zu unserem Hostel zu chauffieren. Tatsächlich war das auch eigentlich der Plan gewesen, doch als die Männer für die gerade einmal 2km lange Fahrt Preise von 15-20 US-Dollar von uns verlangten, suchten wir uns dann doch ein ruhiges Plätzchen und bauten dort unsere Fahrräder wieder zusammen, um dann selbst zu unserer Unterkunft zu fahren – eine weise Entscheidung, wie sich herausstellen sollte: Von einem Mitarbeiter des Hostels erfuhren wir nämlich später, dass die Fahrt vom Flughafen bis zum Hostel für Einheimische selbst mit Gepäck maximal einen US-Dollar kostet. Wir sind es ja inzwischen gewohnt, immer einen leichten Touri-Aufschlag zu bekommen, aber das fanden selbst wir dann doch reichlich dreist!

Wir verbrachten zwei volle Tage in dem tollen Hostel „Hello, Dushanbe!“, welches ich jedem Reisenden nur wärmstens empfehlen kann! Wir verbrachten einen Vormittag damit, die Stadt nach ein paar kleineren Ersatzteilen zu durchsuchen: Isolierband, Sekundenkleber, Kabelbinder und solche Sachen. Nach mehreren Stunden kamen wir stolz wieder ins Hostel zurück und wollten unsere Errungenschaften gleich ausprobieren, als wir feststellen mussten, dass der Großteil der Käufe nutzlos war: Beim Isolierband hatte man schlauerweise den Klebefilm vergessen, sodass wir nun einfach mit einer Rolle schwarzem Stoff dastanden und der Sekundenkleber war seit zwei Jahren abgelaufen und schon längst vertrocknet. Einzig die Kabelbinder taten was sie sollten. Weil die Teile alle nicht allzu wichtig für uns waren, war das ganze keine Katastrophe, gab uns aber schon einmal einen Vorgeschmack darauf, wie die Versorgungslage und die Qualitätsansprüche hier in Tadschikistan wohl sein würden.

Das Hostel war eine tolle Gelegenheit für uns, endlich mal wieder andere Rad- und Motorradfahrer kennenzulernen und uns mit ihnen auszutauschen. Die meisten hier waren darauf aus, den berühmt-berüchtigten Pamir-Highway zu fahren, der über ca. 1200km teilweise entlang der afghanischen Grenze Richtung Kirgistan führt. Da wir nicht erpicht darauf waren uns so nah an Kriegsgebiete zu begeben und außerdem lieber mehr Zeit in Kirgistan verbringen wollten, hatten wir uns jedoch gegen diese Alternative entschieden und wollten auf mehr oder weniger direktem Weg Richtung Norden nach Chudschand und von dort aus dann Richtung Osten nach Kirgistan. Von mehreren anderen Reisenden wurden wir zudem nachträglich in unserer Entscheidung bestätigt, nicht durch Turkmenistan und Usbekistan zu fahren. Über Turkmenistan hörten wir nur: „Die Hitze ist unerträglich, die Landschaft super langweilig und alle paar Kilometer wir man von Verkehrskontrolleuren angehalten, die dann nicht selten mit Bestechungsversuchen ankommen.“ In Usbekistan seien wenigstens die Städte „ganz nett“, doch auch hier seien die Strecken zwischen den einzelnen Strecken absolut unspektakulär und die Menschen würden ständig versuchen, den Touristen mit vollkommen absurden Preisvorstellungen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Auch in Tadschikistan gab es solche Abzocken natürlich. Dennoch schien hier Einiges im Umbruch zu sein: 2018 war offiziell zum „Year of Tourism Development“ ausgerufen worden. Im Zuge dessen hatte der Präsident zum Beispiel hohe Strafen für Zollbeamte angekündigt, die versuchen sollten, Touristen um Geld zu erpressen. Um dem Problem der Radikalisierung entgegenzuwirken, hatte er ein paar Jahre zuvor ein Gesetz erlassen, dass das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Institutionen sowie das Tragen von Vollbärten bei Männern generell verbot – mit mäßigem Erfolg, wie wir ein paar Tage später feststellen sollten.

Wir waren jedenfalls froh uns endlich wieder auf unsere Fahrräder schwingen und in die Natur entfliehen zu können. Diese zeigte sich auch direkt ab dem ersten Tag von ihrer besten und schönsten Seite. Endlich hatten wir wieder gut befahrbare Straßen mit mäßig viel Verkehr und, was das Beste war, fast immer einen Fluss direkt neben unserer Strecke – ja, sich täglich mit frischem Wasser waschen zu können (manchmal sogar morgens UND abends!) stellt für uns inzwischen tatsächlich Luxus dar! Am zweiten Tag ging es dann ab in die Berge. Alternativ hätten wir auch durch den sogenannten „Tunnel of Death“ fahren können. Einschlägigen Reiseforen zufolge ist dieser Tunnel komplett unbeleuchtet, voll mit Abgasen der hindurchfahrenden Autos, gespickt mit zahlreichen Schlaglöchern und dazu auch einigen Autowracks, die einfach mitten auf der Strecke stehengelassen wurden, nachdem sie den Geist aufgegeben hatten. Auf diese Art von Abenteuer konnten wir getrost verzichten. Zudem erhofften wir uns von dem Umweg über den Anzob-Pass eine besonders schöne Landschaft und wurden diesbezüglich definitiv nicht enttäuscht! Dennoch muss ich gestehen, dass uns dieser Berg mehr abverlangte als wir erwartet hatten. Bevor der Tunnel gebaut worden war, war diese Strecke einmal die Hauptverbindungsroute zwischen Duschanbe und Chudschand gewesen. Inzwischen ist der Weg jedoch durch zahlreiche Steinschläge und mangelnde Pflege für Autos absolut unpassierbar geworden. Die einzigen anderen Menschen, die uns während des kompletten Tages begegneten, waren vier Motorrad-Touristen mit ihren Enduro-Maschinen – und selbst die hatten schon ordentlich zu kämpfen! Die erste Hälfte des Anstiegs konnten wir noch ganz passabel bewältigen. Je weiter wir jedoch in die Höhe kletterten, desto schlechter wurden die Straßenverhältnisse, was uns oft dazu zwang unsere ca. 50 kg schweren Drahtesel über den Schotter zu schieben. Aber selbst dann, wenn der Weg ein Fahren theoretisch zuließ, hatten unsere Beine irgendwann einfach nicht mehr genug Kraft um noch weiter in die Pedale zu treten, sodass wir fast das gesamte letzte Drittel schoben. Noch bevor wir den Pass überhaupt erreicht hatten, schworen wir uns deshalb, zukünftig nur noch mit maximal 1000 Höhenmetern pro Tag zu planen, anstatt davon auszugehen jeden Pass innerhalb eines Tages bewältigen zu können – eine wichtige Lehre für den weiteren Verlauf unserer Reise! Irgendwann hatten wir es dann aber tatsächlich geschafft und zuckelten todmüde nur noch ein paar Kilometer wieder den Berg hinunter. Am Ende des Tages hatten wir innerhalb einer reinen Fahr- bzw. Schiebezeit von 6,5 Stunden sagenhafte 34 Kilometer zurückgelegt. Unser Zelt stellten wir direkt neben der „Straße“ auf – ein Auto würde hier ja sowieso nicht vorbeikommen. Als Belohnung für die Strapazen des Tages konnten wir dafür eine grandiose Aussicht, frisches Bergwasser direkt aus der Quelle und absolute Stille genießen!

Als wir uns zwei Tage später wieder auf der Hauptstraße M34 kurz hinter der Stadt Aini einen Berg hochkämpften, kam was kommen musste: Wir fanden schon wieder einen kleinen Hundewelpen am Straßenrand, der lebensgefährlich verletzt war. Im Laufe der letzten Monate waren wir an hunderten Straßenhunden vorbeigekommen, viele davon kurz vor dem Tod oder viel zu jung, um alleine überleben zu können. Und bis auf unser Hinkebein in der Türkei hatte ich es immer geschafft mich damit zu begnügen ihnen höchstens ein paar Stückchen Wurst hinzulegen und dann weiterzufahren. Diesmal jedoch erwischte es mich wieder einmal als ich sah, dass das kleine Hundemädchen eine häßliche Wunde am Unterleib hatte, die vor Maden nur so überquoll. Ich wusste, dass sie langsam und qualvoll sterben würde, wenn wir sie nicht mitnähmen. Im Unterschied zu den meisten anderen Straßenhunden sah ich aber auch, dass wir dieser kleinen Dame wahrscheinlich mit nur einem einzigen Tierarztbesuch das Leben retten könnten. Also packten wir sie kurzentschlossen in meinen Backroller, hielten den nächsten LKW an, der vorbeifuhr und ließen uns von ihm bis nach Chudschand mitnehmen. Viele Menschen würden diese Aktion wahrscheinlich als lächerlich empfinden, da wie schon gesagt tausende Straßenhunde jeden Tag jämmerlich dahinsiechen. Wir aber sahen hier eine der seltenen Gelegenheiten, aktiv etwas tun zu können. In den seltenen Situationen, wenn bei Sascha und mir mal schlechte Laune herrscht, ist einer der Gründe oft, dass wir uns untätig vorkommen. Seit Monaten nun fahren wir durch teilweise sehr arme und problembehaftete Länder. Wir sehen täglich Dinge, die definitiv nicht so sein sollten wie sie sind, können aber nie etwas dagegen tun. Auf einer Reise wie unserer ist man stets in der Rolle des stillen Beobachters. Man kann mit Leuten reden, Gesellschaften beobachten und sich seine Meinung zu alldem bilden; man kann aber nur selten tatsächlich aktiv werden und etwas bewegen. Gerade nach den doch teilweise schockierenden Erfahrungen, die wir im Iran gemacht hatten, spürten wir dieses Gefühl der Machtlosigkeit in diesen Tagen umso mehr – bis plötzlich dieser kleine Welpe vor uns saß. Was Manchem pathetisch vorkommen mag, stellte für uns eine Möglichkeit dar, hier wenigstens auf kleinster Ebene Courage zu zeigen. Mal davon abgesehen, dass ich es wahrscheinlich selbst ohne diese Vorerfahrungen nicht übers Herz gebracht hätte den Hund einfach dort sitzen zu lassen.

Der LKW-Fahrer, an den wir geraten waren, stellte sich als unglaublich netter Mensch heraus. Während der gesamten Fahrt ließ er sich voller Stolz darüber aus, wie toll doch sein Mercedes-LKW lief. In Chudschand kutschierte er uns bis fast ins Zentrum, obwohl er eigentlich gar nicht dorthin musste und lud uns dann auch noch zu einem überraschend leckeren Mittagessen an der Tankstelle seiner Wahl ein. Die restlichen 3 km bis zum Hostel transportierten wir Ginny, wie wir den kleinen Welpen tauften, auf dem Fahrrad in meinem Backroller. Auch die Mitarbeiter im Hostel waren sehr entgegenkommend und erlaubten uns sofort, Ginny mit in unser Zimmer zu nehmen, solange wir sie nicht im restlichen Teil des Hauses herumlaufen ließen. Da es schon Nachmittag wurde als wir dort ankamen, schmissen wir nur all unser Gepäck in die Ecke und machten uns dann gleich wieder los zum Tierarzt.

Auch der Tierarzt war ein herzensguter Mensch, der uns sofort herzlich willkommen hieß. Nach einem kurzen Blick auf Ginnys Wunde legte er sie sofort in Narkose und holte ihr dann sage und schreibe 21 Maden aus dem Unterleib. Während Ginny langsam wieder aufwachte, lud der Tierarzt uns in seinem Hinterhof zum Essen ein, wo wir auch seine wundervolle Frau sowie seine vier Kinder kennenlernten. Als hätten sie ein paar Hauselfen aus Harry Potter unter ihrem Tisch versteckt, war der Tisch auf einen Schlag mit unzähligen Köstlichkeiten gedeckt: Selbst angebautes Obst und Gemüse, frisches Fladenbrot, Tee und sogar köstliches Schafsfleisch (selbst geschlachtet, versteht sich). Auch wenn wir nicht viel miteinander reden konnten, da selbst die Kinder nur sehr gebrochen Englisch sprechen konnten und unsere Russisch-Kenntnisse sich nach wie vor auf „Hallo“ und „Danke“ beschränkten, so hatten wir dennoch das Gefühl unter Freunden und aufrichtig willkommen zu sein. Noch zweimal mussten wir in den nächsten Tagen mit Ginny zum Tierarzt um ihr Antibiotika-Spritzen verabreichen und ein Gesundheits-Zertifikat ausstellen zu lassen. Danach konnten wir die restliche Behandlung selbst mit einer antibiotischen Salbe weiterführen. Ginnys Wunde verheilte erstaunlich schnell und mit jedem Tag kehrte mehr Energie in den kleinen Welpen zurück. Sascha und ich diskutierten ernsthaft darüber was es für uns und unsere weitere Reise bedeuten würde, wenn wir Ginny behalten würden. Und trotz all des zusätzlichen Aufwandes, Geldes und Reiseeinschränkungen, beschlossen wir am Ende tatsächlich, sie zu behalten.

Zur gleichen Zeit, als wir uns in Chudschand aufhielten, erfuhren wir, dass es südlich von Duschanbe eine terroristische Attacke auf sieben ausländische Fahrradfahrer gegeben hatte. Vier Menschen waren getötet worden, drei verletzt. Die Nachricht von dieser grausamen Tat schockierte uns zutiefst. Als wir hörten, dass zwei der Opfer Schweizer Staatsbürger waren, dachten wir zunächst, dass es sich um die beiden Schweizer handelte, die wir kurz vorher noch im Hostel in Duschanbe getroffen hatten. Die beiden hatten vorgehabt den Pamir-Highway zu fahren, auf dem die Attacke stattfand und zeitlich hätte es ziemlich genau hingehauen. Dadurch, dass wir in Duschanbe kurz noch in Versuchung geraten waren, unsere Route zu ändern und doch mit den anderen zusammen den Pamir zu fahren, waren wir nun noch mehr erschüttert. Später fanden wir heraus, dass die Opfer nicht diejenigen waren, die wir kennengelernt hatten, was die Attacke aber natürlich keineswegs weniger grausam macht.

Ich verstehe bis heute nicht ganz, warum die Terror-Attacke auf dem Pamir mich mehr schockiert hat als beispielsweise die Attacke, die 2016 auf dem Berliner Weihnachtsmarkt passiert ist. Schließlich war ich in beiden Fällen räumlich gesehen etwa gleich weit vom Ort des Geschehens entfernt und hätte in beiden Fällen durch eine Verkettung von Zufällen dort sein können. Und dennoch fühlte sich die Attacke dieses Mal sehr viel persönlicher an und ließ uns beide kurzzeitig an unserer Reise zweifeln. Im Nachhinein betrachtet waren manche unserer Überlegungen irrational und übertrieben, in diesem Moment jedoch erwischte ich mich manchmal selbst dabei die Autos, die an mir vorbeifuhren, besonders genau zu beobachten und bei jeder Straßenüberquerung ein paar Sekunden länger zu warten um sicherzugehen, dass die Autos auch wirklich anhielten. Mit solch einem Gefühl wollten weder Sascha noch ich unsere Reise fortsetzen und so beschlossen wir ein Taxi zu nehmen, das Kapitel Tadschikistan abzuschließen und in Kirgistan neu anzufangen.

So fuhren wir also bis nach Osh in Kirgistan. Die Taxifahrt dorthin war eine Geschichte für sich und definitiv nichts für schwache Nerven. Während wir über eine Schlaglochpiste nach der nächsten bretterten, versuchte ich mich zur Ablenkung auf die Schönheit der Landschaft um uns herum zu konzentrieren. Im Radio spielte dazu „Forever Young“ – wie passend…

Über das gute alte Internet hatten wir in Osh eine Werkstatt ausfindig gemacht, die von zwei Schweizern geführt wurde und die Reisenden gegen eine geringe Gebühr all ihre Werkzeuge und Maschinen zur Verfügung stellte. Dort wollten wir uns einen Trailer für Ginny bauen, den wir ans Fahrrad hängen und sie so transportieren konnten. Um uns auf das Reisen mit Hund vorzubereiten googelten wir noch ein bisschen nach den verschiedenen Einreisebestimmungen und waren wie vor den Kopf gestoßen, als wir auf einmal feststellten, dass wir Ginny gar nicht mit nach Australien und Neuseeland nehmen könnten. Davon abgesehen, dass Hunde in beiden Ländern eine mehrtägige Quarantäne absitzen müssen, müssen sie zudem vor ihrer Einreise mindestens sechs Monate am Stück in ihrem Heimatland verbracht haben – für uns wäre das vollkommen unmöglich! War ich also gerade erst laut Ginnys Gesundheitszertifikat stolze Besitzerin meines ersten eigenen Hundes geworden, so zerplatzte dieser Traum auch schon wieder. Wir überlegten hin und her, wie wir das Ganze doch noch irgendwie hinbekommen könnten, mussten aber irgendwann einsehen, dass keine der möglichen Optionen wirklich tierfreundlich wäre und die einzige machbare Möglichkeit darin bestünde, unsere Reise in Singapur zu beenden und Australien und Neuseeland aus dem Programm zu streichen. Nachdem wir nun aber so lange auf diese Reise hingearbeitet hatten, waren wir am Ende doch zu egoistisch um diesen Schritt zu gehen.

Staz, der Besitzer unseres Hostels in Osh, half uns so gut er konnte und versuchte jemanden vor Ort aufzutreiben, der Ginny vielleicht adoptieren würde. Doch schnell stellte sich heraus, dass wir hier keinen Erfolg haben würden. Die einzige Option war ein privat geführtes Tierheim in Bishkek. Von diesem bekamen wir auf Nachfragen zwar die Information, dass das Shelter jetzt schon vollkommen überlaufen sei und keinen Platz mehr frei habe, aus Mangel an Alternativen beschlossen wir aber trotzdem dort hin zu fahren und unser Glück direkt vor Ort zu versuchen. Die Fahrt nach Bishkek war diesmal sehr viel angenehmer, da ein Verwandter von Staz uns fuhr, der deutlich besonnener war als unser letzter Taxifahrer und zudem für uns regelmäßig Pausen einlegte, damit wir Ginny ein bisschen laufen lassen konnten. Die Landschaft, durch die wir kamen, wurde mit jedem Kilometer atemberaubender. Nachdem wir uns eine Weile durch die Berge geschlängelt hatten, kamen wir auf eine Hochebene, die von zahlreichen Nomadenfamilien mit ihren Tierherden bevölkert wurde. Herden von halbwilden Pferden zogen durch die Hügel, während vielleicht gerade einmal 8-jährige Kinder auf ihren Pferden die Kuhweiden hüteten und die Eltern vor ihren Jurten Essen in riesigen Kesseln kochten. Die ganze Szenerie wirkte auf uns wie eine Märchenlandschaft und auf einmal kam uns die Idee, ob wir Ginny vielleicht bei einer dieser Familien unterbringen könnten. Fast jede der Familien hier schien einen oder mehrere Hunde zu haben, die ihnen halfen die Herden zu hüten und ihre Jurten bewachten. Wäre das nicht ein weitaus schöneres Leben für Ginny, als für mehrere Jahre in einem überfüllten Tierheim auf ein neues Herrchen zu warten und am Ende dann womöglich als Kettenhund oder Schlimmeres zu enden? Wir erzählten unserem Taxifahrer von der Idee. Er sprach zumindest ein bisschen Englisch und erklärte sich bereit uns bei der Suche nach einer passenden Familie zu helfen. Kurze Zeit später hielten wir vor der Jurte einer Nomadenfamilie und wurden gleich herzlich von dem Familienvater und seinen beiden Söhnen empfangen. Der Taxifahrer schilderte ihm unser Anliegen und nach kurzem Überlegen, willigte er ein, Ginny in seine Obhut zu nehmen. Während der Mann, um das „Geschäft“ zu besiegeln, Sascha auf ein Glas gegorene Stutenmilch in seine Jurte einlud, nahm einer seiner Söhne Ginny auf den Arm und trug sie in Richtung der Pferde- und Rinderherde der Familie. Neugierig, was er wohl mit ihr anstellen wollte, folgte ich ihm und wunderte mich ein bisschen, als er auf einmal anfing seltsame Pfeiflaute von sich zu geben. Da hob sich auf einmal, aus einer gut versteckten Höhle, ein kleiner Hundekopf empor und ich sah, dass die Familie bereits einen anderen Welpen, etwa in Ginnys Alter, besaß. Als die zwei sofort anfingen miteinander zu spielen, wuchs meine Zuversicht, einen guten Platz für Ginny gefunden zu haben. Trotzdem fiel mir der Abschied keineswegs leicht und ja, ich gebe es zu, eventuell ist auch die ein oder andere Träne geflossen.

In Bishkek nahmen wir uns mehrere Tage Zeit um die Erlebnisse der vergangenen Tage zu verarbeiten. Zwar waren wir kaum Fahrrad gefahren, trotzdem fühlten wir uns wie nach einem Marathonlauf. Die Unterbrechung durch den Flug von Teheran nach Duschanbe, Ginny, die Terror-Attacke in Tadschikistan und die damit verbundenen erneuten Änderungen unserer Pläne hatten uns doch ganz schön aus der Bahn geworfen. Aber die Chancen stehen gut, dass wir von nun an wieder in unseren alten Rhythmus zurückkehren können und uns einfach nur noch auf eine Sache konzentrieren können: Fahrrad fahren.

 

 

 

Etappe 9: Lankaran – Teheran

Als wir Lankaran auf unseren treuen Drahteseln Richtung Süden verließen, zeigte sich Aserbaidschan nochmals von seiner besten Seite. Das bereits bekannte Hupkonzert begleitete uns weiterhin und ließ uns voller Motivation noch etwas schneller in Richtung iranischer Grenze strampeln. Mit einer bühnenreifen Abschluss-Show der aserbaidschanischen Grenzbeamten, bei der unsere Pässe unter der UV-Lampe
und dem Mikroskop Seite für Seite geprüft wurden, verließen wir dieses ‚wunderbare‘ Land.
Auf der anderen Seite der Grenze angekommen, wurden wir mit einem freundlichen „Welcome to Iran“ empfangen und tauchten direkt in dieses interessante und außergewöhnliche Land ein, dass auf uns seit Beginn unserer Reise eine große Faszination ausgeübt hatte. Doch zunächst einmal mussten wir an etwas Bargeld kommen, was aufgrund der amerikanischen Sanktionen nicht so leicht möglich war. Offiziell war das Wechseln von Geld hier sogar verboten. Doch glücklicherweise hatten wir für die erste Nacht ein Hotel gebucht und der leitende Manager konnte uns schnell Abhilfe leisten, wodurch wir ruck zuck zu Millionären wurden. Der Wert des iranischen Rials hatte sich innerhalb der letzten drei Monaten fast halbiert, weshalb wir uns an unserem ersten Abend mit 40 Millionen Rial in unseren Händen etwas hilflos in unserem Hotelzimmer wiederfanden. Die Auswirkungen, die dieser Währungsverfall auf die iranische Bevölkerung hatte, sollten wir schon bald aus erster Hand erfahren.
Nichtsdestotrotz wurden wir als Westeuropäer ausgesprochen herzlich empfangen. Die ersten Fahrtage waren von freundlichen Grüßen, Daumen hoch und nett gemeinten Motivationshupen geprägt, worüber wir uns sehr freuten. Leider war die Strecke entlang der Küste des Kaspischen Meeres landschaftlich weniger attraktiv und von dicht besiedelten, urbanen Gebieten geprägt, die sich hin und wieder mit Reisfeldern abwechselten. Daher waren ruhige Zeltplätze Mangelware und wir oft
gezwungen, Hotels zu nehmen – unserer Reisekasse gefiel das gar nicht. Selbst mit dem für uns eigentlichen günstigen Währungskurs zahlten wir nicht selten ca. 40 US-Dollar für eine Nacht im Hotel.
Gleich an unserem ersten Fahrtag im Iran wurden wir jedoch während unserer  Mittagspause von einem sehr netten Iraner namens Ezmail eingeladen und durften hier das erste Mal die manchmal schon fast überwältigende Gastfreundschaft der Iraner erfahren. Zusammen mit seiner Frau und seiner 3-jährigen Tochter ging es zunächst an den Strand und anschließend auf eine Rodelbahn, die aus Deutschland importiert worden war. Wahrscheinlich hätte ich mit Vielem gerechnet aber nicht damit, dass wir im Iran auf einer Rodelbahn den Berg hinunter düsen würden. Abgeschlossen wurde der
großartige Tag mit einem gemeinsamen Abendbrot, bei dem wir uns mittels Google Translate über alles Mögliche unterhielten. Eine wunderbare Erfahrung, die uns gleichzeitig aber auch sofort zu Beginn unseres Iran-Aufenthaltes die Probleme vor Augen führte, mit denen die Menschen hier derzeit zu kämpfen hatten. Als Ezmail beispielsweise mit uns zur Rodelbahn fuhr und an der Kasse Tickets für uns kaufen wollte, musste er feststellen, dass er sich diese überhaupt nicht leisten konnte. Die
Preise waren in den letzten Monaten so stark gestiegen, dass sie sein Budget jetzt bei Weitem überstiegen. Wir boten an als Dankeschön für die Gastfreundschaft die Kosten zu übernehmen, was Ezmail jedoch vehement ablehnte. Als wir schon wieder im Auto zurück nach Hause saßen, traf Ezmail durch puren Zufall dann einen alten Freund, der über die richtigen Kontakte verfügte um uns allen eine Freifahrt verschaffen zu können. Als wir später dann wirklich wieder auf dem Weg zu Ezmails Appartement waren, wollte er bei einem Straßenhändler frische Kirschen kaufen. Als jener ihm jedoch den Preis für die Früchte nannte, schüttelte Ezmail nur resigniert den Kopf und gab sich dann doch mit der günstigeren Wassermelone zufrieden. Mit eigenen Augen zu sehen welche
Auswirkungen Trumps Sanktionen auf die Menschen im Iran hatten, machte uns unglaublich wütend und verzweifelt zugleich.
Nach ein paar weiteren Fahrtagen und kurz vor dem Anstieg über das Alam-Kuh Gebirge, was uns bis nach Teheran begleiten sollte, wurden wir nochmals von Sadaf, einer Englischlehrerin für Vorschulkinder, eingeladen. Auch hier offenbarte sich eine weitere unbekannte Seite des Irans für uns, nämlich die Tatsache, dass der Großteil der Iraner der konservativen Regierung mit seinen religiösen Restriktionen vollkommen abgeneigt ist – so auch Sadaf. Sobald wir Ihre Wohnung betraten zog sie sich das Kopftuch ab und schlüpfte in T-Shirt und Jogginghose, was außerhalb der eigenen vier Wände völlig unmöglich wäre, denn eine eigens dafür eingerichtete Kulturpolizei kontrolliert die Einhaltung der Kleidungsvorschriften strengstens. Bei einem gemeinsamen Abendbrot erzählte sie uns dann von ihrem Englischprogramm und dass immer mehr Eltern mit ihren Kindern auf sie zukommen, sodass es ihr kaum möglich ist die Nachfrage zu stillen. Auch hier zeigte sich, wohin sich der Iran eigentlich entwickeln möchte, was wiederum im Kontrast zur tatsächlichen Politik steht.
Die Überquerung des Alam-Kuh Gebirges war landschaftlich wunderschön. Höher und höher schlängelte sich die Strasse und die aufziehenden Nebelschwaden verdeckten die Sonne, wodurch sich auch die Temperaturen sehr angenehm gestalteten. Weniger angenehm war jedoch der Verkehr, denn die Iraner hatten ein verlängertes Wochenende und so schob sich Auto an Auto an uns vorbei, wobei gefühlt jeder Zweite entweder ein Selfie mit uns machen wollte oder etwas Unverständliches aus seiner Blechkiste schrie, alles stets untermalt mit lautem Hupen. Umso glücklicher waren wir dann, einen abgelegenen Zeltplatz zu finden und einfach die Ruhe genießen zu können. Bis auf insgesamt 3400m ging es die nächsten Tage hinauf. Umso mehr genossen wir die wohlverdiente Abfahrt nach Teheran, dessen Metropolregion ca. 15 Millionen Menschen beherbergt. Hierbei lernten wir Mahmoud und seine Freundin Mahshid kennen, bei denen wir später ein paar Nächte übernachten, die großartige iranische Küche genießen und sogar unsere Fahrräder stehen lassen durften, während wir in Isfahan waren. In Isfahan besuchten wir Masoud, den wir über 3 Ecken kennen gelernt hatten. Masoud war momentan dabei nach Deutschland auszuwandern und es war wirklich nochmals ein Geschenk diese geschichtsträchtige Stadt mit ihm und seiner netten Familie erleben zu können. Wir drücken ihm alle Daumen, dass sich sein Traum so bald wie möglich erfüllt!
Nach diesen ereignisreichen Tagen fuhren wir dann zurück nach Teheran und mit unseren Bikes im Gepäck zum Flughafen. Unser ursprünglicher Plan über Usbekistan zu fahren hatte sich aufgrund der unwahrscheinlichen Visavergabe für Turkmenistan verändert und so beschlossen wir, den Flieger nach Duschanbe (Tadschikistan) zu nehmen. Die Beantragungsdauer für das Turkmenistan-Visum liegt nämlich bei mindestens zwei Wochen (laut Berichten anderer Reisender manchmal sogar bei zwei Monaten!) und selbst dann ist es ungewiss, ob man es überhaupt bekommt. Gleichzeitig lief unser Iran-Visum allmählich aus und hätte es uns unmöglich gemacht, die restlichen Kilometer durch die iranische Wüste rechtzeitig zu schaffen. Wir hoffen, dass die Unterbrechung durch den Flug nicht zu groß ist, freuen uns aber vor allem auf die imposanten Berglandschaften und hoffentlich etwas milderen Temperaturen, die nun vor uns liegen. Mal sehen, ob wir uns noch immer freuen wenn wir schwitzend die Berge hochstrampeln. 🙂

 

 

Etappe 8: Tiflis – Lankaran

Während unseres Aufenthalts in Tiflis wurden wir sehr positiv von dieser schönen Stadt überrascht. Sie überzeugte uns mit einer tollen Mischung aus teilweise ultra-modernen Gebäuden, gepaart mit einer wunderschönen Altstadt, deren Häuser liebevoll renoviert wurden. Am äußersten Stadtrand sah man ein paar Plattenbauten, ansonsten erinnerte nichts an die sowjetische Historie der Stadt. An touristischen Highlights hatte Tiflis außer einer alten Burgruine und ein paar Kirchen nicht allzu viel zu bieten, doch der eigentliche Charme lag auch eher darin, sich in eine der vielen Bars in den Fußgängerzonen zu setzen, einen Cappuccino zu schlürfen und die Leute hier zu beobachten oder durch die Wohnviertel zu schlendern und die architektonische Vielfalt der Häuser zu bewundern.

Für die Strecke nach Aserbaidschan entschieden wir uns mal wieder dafür, lieber einen kleinen Umweg inklusive einiger zusätzlicher Höhenmeter in Kauf zu nehmen, anstatt auf direktem Weg zu Grenze zu fahren – und es lohnte sich! Nach einer etwas nervigen Fahrt im morgendlichen Berufsverkehr aus Tiflis hinaus, gelangten wir so bald wieder ins ruhigere Hinterland und machten uns an den Anstieg hinauf zum Gombori-Pass auf 1620m Höhe. Größtenteils war die Steigung sehr human und ließ sich auch trotz der zunehmenden Temperaturen gut bewältigen, nur ab und zu brachten uns ein paar kurze, sehr steile Passagen dann doch etwas mehr ins Schwitzen. Nach einer ebensolchen Passage hielten wir am Straßenrand an, um uns nach einem geeigneten Platz für ein Mittagspause umzusehen, als ein Imker, der dort seinen frischen Honig verkaufte, uns zu sich winkte. Wie selbstverständlich holte er sofort zwei Stühle aus seinem Wohnwagen, tischte eine Schüssel mit Honig auf und servierte dazu ein frisches Fladenbrot. Zunächst wechselten wir ein paar Worte mit ihm, bevor er sich dann zu seinen Bienen verzog und uns damit ein bisschen Zeit gab, in Ruhe durchzuschnaufen. Auch als er wieder zurückkam, genossen wir einfach nur gemeinsam die schöne Aussicht und das leckere Essen, ohne dass irgendjemand sich gezwungen fühlte unbedingt Smalltalk führen zu müssen. Wir waren ihm sehr dankbar für diese liebe Geste und wussten uns als Dankeschön nicht besser zu helfen, als ihm einen ganzen 500-Gramm-Eimer seines Honigs abzukaufen – vielleicht nicht gerade die klügste Idee, wenn man noch 600 Höhenmeter vor sich hat, aber unser Nutella-Vorrat ging eh zur Neige, also war somit auch gleich das Frühstück am nächsten Morgen gesichert.

Zwei Nächte verbrachten wir nach Tiflis noch in Georgien, bevor wir dieses wunderschöne Land schweren Herzens Richtung Aserbaidschan verließen – es wird definitiv nicht das Letzte Mal gewesen sein, dass wir in Georgien waren! Die Einreise nach Aserbaidschan verlief problemlos. Wir hatten unser Visum zuvor schon online beantragt und auch erhalten, sodass wir jetzt am Zoll nur noch unsere Pässe vorzeigen und den Zollbeamten einen Blick in unsere Taschen gewähren mussten. Die ersten Kilometer in diesem neuen Land überraschten uns doch ziemlich: Die Straßen sahen aus wie geleckt, nicht ein Schlagloch oder auch nur eine Unebenheit minderten das Fahrvergnügen. Die Häuser, an denen wir vorbeikamen, wirkten fast schon übertrieben pompös und waren alle sehr gepflegt und ordentlich. In der ersten Stadt hielten wir kurz an einem Bankautomaten, um Geld abzuheben und waren innerhalb von Sekunden von einer ganzen Traube bierbäuchiger Männern umringt. Sie fragten die üblichen Fragen, „woher kommt ihr?“, „wohin fahrt ihr?“ usw. und waren vor allem an unserem Equipment äußerst interessiert. Zu dem Zeitpunkt freuten wir uns noch über so viel Interesse und waren äußerst optimistisch, was unseren weiteren Aufenthalt in Aserbaidschan betraf.

Die Temperaturen kletterten inzwischen zur Mittagszeit auf knapp 40°C und so suchten wir uns um 12 Uhr ein schattiges Plätzchen für eine Mittagspause. Während dieser Pause wurden wir von einem jungen Mann zum Tee eingeladen und nahmen das Angebot auch dankend an. Er erzählte, dass er in seiner Freizeit oft mit seinem Pferd Ausritte in das Kaukasus-Gebirge unternähme und zeigte uns ein paar Fotos davon auf seinem Handy. Kaum hatten wir uns nach der Tee-Runde wieder auf unserer Picknickdecke ausgestreckt, vernahmen wir auf einmal lautes Hufeklappern auf der Straße und plötzlich stand der junge Mann mitsamt Pferd vor uns. Er schien es sehr zu genießen, im Rampenlicht zu stehen und zeigte uns ein paar Kunststücke auf seinem Pferd, die meistens darin bestanden, dass er so lange grob am Zügel zerrte, bis das Pferd sich auf seine beiden Hinterbeine stellte und stieg. Auch wenn wir nicht viel von dem brutalen Umgang mit dem Tier hielten, taten wir brav so, als hätte ich noch nie etwas Beeindruckenderes gesehen. Als die Temperaturen gegen 16:30 Uhr wieder auf ein annehmbares Maß gesunken waren (ca. 30°C), stiegen wir wieder auf unsere Räder um noch ein paar Kilometer zurückzulegen und dann einen geschützten Zeltplatz zu suchen. Wir fanden einen sauberen Fluss, der an einen kleinen Wald grenzte und freuten uns schon, dass wir den perfekten Zeltplatz gefunden hatten. Da fuhr auf einmal ein alter LADA vor und heraus taumelten vier betrunkene Männer, die sich jetzt offensichtlich hier am Fluss einen schönen Abend machen wollten. Sie boten uns gleich auch ein Bier an und kicherten dabei wie kleine Schulmädchen, wodurch für uns schnell der Entschluss feststand, doch wieder unsere Sachen zusammenzupacken und noch weiter zu fahren. Glücklicherweise fanden wir nur ca. einen Kilometer später einen geeigneten Platz, der komplett sichtgeschützt und sicher war.

Die ersten paar Tage fuhren wir noch immer parallel zum Kaukasus und hatten somit schöne Landschaften zu bewundern, wenn diese auch nicht ganz so beeindruckend waren wie noch in Georgien. Schon bald wichen die anfangs so pompösen Gebäude kleineren, schlichteren Häusern und auch die Straßen sahen nicht mehr überall so aus, als könnte man von ihnen essen. Die meisten Autos, die uns begegneten waren alte LADA, nur die Polizei fuhr fast ausnahmslos in den neuesten BMW-Modellen herum. Generell schien hier viel Geld auf staatliche Organe und Einrichtungen verwendet zu werden. Inmitten von ziemlich schäbigen Ortschaften konnten manchmal riesige, piekfeine Gebäude emporragen, die zum Beispiel Migrationsbehörden oder Polizeischulen beherbergten.

Die Männer in Aserbaidschan begegneten uns grundsätzlich freundlich und schenkten uns sogar öfter mal etwas zu Trinken oder zu Essen. Hatten wir anfangs noch oft auch sehr modern gekleidete Frauen in kurzen Kleidern und luftigen Röcken gesehen, so sahen wir sie bald meist nur noch in Arbeiterkleidung vermummt beim Straßenfegen, ansonsten schienen sie leider fast komplett vom gesellschaftlichen Leben draußen auf der Straße abgeschieden zu sein. Eine andere Sache, die uns etwas irritierte war der zunehmend übertriebene Gebrauch der Autohupen, sobald ein Auto an uns vorbeifuhr. Wir waren eine gewisse Geräuschkulisse schon seit Europa gewohnt und fanden es grundsätzlich ja nett, dass die Menschen uns grüßen und anfeuern wollten. In Aserbaidschan jedoch erreichte dieses Phänomen ganz neue Ausmaße. Die Autofahrer begnügten sich nicht damit, einmal kurz zu hupen und dann einfach an uns vorbeizufahren. Nein, sie fingen teilweise schon in 200m Entfernung an auf die Hupe zu drücken und hielten sie dann so lange gedrückt, bis sie an uns vorbei waren. Manche wiederum blieben absichtlich lange hinter uns, sodass wir sie erst sehr spät bemerkten, schossen dann plötzlich an uns vorbei und drückten gleichzeitig auf die Hupe, sodass wir uns jedes Mal erschraken und teilweise im Straßengraben landeten. Viele Aserbaidschaner riefen uns zusätzlich noch Dinge zu, die immer abstruser wurden, je weiter wir ins Landesinnere vordrangen. Von „Ni Hao“ bis hin zu dumpfem Gejohle gefolgt von hysterischem Gelächter war alles dabei. Vielleicht haben wir ja auf dieser Reise jegliches Gefühl für die Zeit verloren und sind nun schon so lange unterwegs, dass der durchschnittliche Chinese inzwischen blond und blauäugig ist, aber das wage ich dann doch zu bezweifeln. Anders kann ich mir jedoch nicht erklären warum die Menschen regelmäßig meinten uns auf chinesisch begrüßen zu müssen.

Sobald wir vor Supermärkten hielten um neuen Proviant zu kaufen, bildete sich in der Regel wie schon in der ersten Stadt innerhalb kurzer Zeit eine Menschentraube um uns und betrachtete unsere Fahrräder. Auch hier wieder: Generell ist das überhaupt kein Problem und wir freuen uns über jeden, der uns ehrliches Interesse entgegenbringt. Doch genau hier lag vielleicht auch das Problem. Die Menschen (bzw. Männer, denn Frauen waren nie dabei) schienen zunehmend mehr an unserem Equipment als an uns interessiert zu sein. Ständig wurden wir gefragt, wie viel unsere Fahrräder oder unser Zelt gekostet hatte, was wir bisher in noch keinem anderen Land gefragt wurden. Teilweise nahmen die Männer unsere Sachen ungefragt einfach in die Hand und spielten an ihnen herum ohne uns auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Von ehrlichem Interesse für uns und unsere Reise konnte da wohl kaum noch die Rede sein.

Nachdem wir vom Kaukasus weg Richtung Süden abgebogen waren, wurde es zusehends schwieriger geeignete Wildcampingplätze zu finden, da die Landschaft hier einer Steppe glich und kaum Gelegenheiten bot um unser Zelt aufstellen zu können. Also fragten wir immer wieder bei Restaurants mit angeschlossenem Picknick-Areal, ob wir bei ihnen campen dürften. Bei dem ersten Restaurant verlangte der Besitzer eine horrenden Preis von 50 Manat, was etwa 25 Euro entspricht, nur damit wir unser Zelt bei ihm aufstellen durften. Vor der Benutzung des Klos oder gar einer Dusche war überhaupt nicht die Rede. Also zogen wir weiter zum nächsten Restaurant und konnten den Mann dort wenigstens auf 15 Manat für eine Nacht herunterhandeln. Wobei das Wort „Mann“ hier vielleicht etwas fehl am Platz ist: Das Restaurant wurde scheinbar von einer Gruppe pubertärer Jugendlicher geleitet, die in lautes Kichern ausbrachen, sobald sie uns sahen oder wir versuchten mit ihnen zu sprechen. Zwischenzeitlich kam mal ein erwachsener Mann vorbei um nach dem Rechten zu sehen, der verzog sich aber nach ein paar Minuten wieder. Sobald wir unser Zelt aufgestellt hatten störten wir uns nicht weiter an den Jugendlichen sondern genossen die Kühle des Schattens und streichelten den Hund, der wohl zum Restaurant dazugehörte und dem man schändlicherweise die Ohren abgeschnitten hatte. Ja, mit Tieren und Mitgefühl für andere Lebewesen hat man es hier wohl nicht so…

Nachdem am Abend die letzten Restaurant-Gäste gegangen waren und wir uns in unser Zelt verkrochen hatten, drehten die Jugendlichen dann aber auf einmal ihre Musikboxen auf und fingen an eine Flasche Alkohol nach der nächsten zu leeren. Da wir nur zu zweit und die einzigen Gäste auf dem Areal waren, trauten wir uns nicht, zu den Jungs hinzugehen und sie zu bitten leiser zu sein, aus Angst, dass sie dann erst recht auf falsche Gedanken kommen könnten. Manchem mag das übertrieben ängstlich vorkommen, doch wir hätten wirklich nicht viel ausrichten können, wenn die sechs oder sieben Jungs auf einmal beschlossen hätten, dass sie zum Beispiel unsere Räder haben oder unsere Taschen mal etwas genauer inspizieren wollten. So verhielten wir uns lieber unauffällig und waren dankbar, dass der große Hund, mit dem wir uns am Nachmittag angefreundet hatten, beschützend vor unserem Zelt lag und jeden anknurrte, der auch nur in 50m Entfernung vorbei lief. Im Endeffekt machten die Jungs auch keinerlei Anstalten uns irgendwie zu belästigen, aber als der Wecker am nächsten Morgen um 4:30 Uhr klingelte und wir uns nach nur vier Stunden Schlaf müde wieder auf die Räder schwangen um eine 80km-Etappe in Angriff zu nehmen, verwünschten wir sie doch ein bisschen.

Aus Mangel an Alternativen versuchten wir an diesem Tag unser Glück gleich wieder bei solch einem Restaurant und dachten ganz optimistisch: „Wer hat denn schon zweimal hintereinander Pech mit seinen Zeltplätzen? Niemand!“. Tja, wir wurden eines Besseren belehrt. Der Leiter des Restaurants war tatsächlich sehr nett. Rouyen war 26 Jahre alt, streng gläubiger Muslim und wirklich unwahrscheinlich gastfreundschaftlich. Er versorgte uns den ganzen Nachmittag über mit Tee, Ayran und frischen Kirschen und redete stundenlang auf uns ein, ohne dass wir auch nur ein Wort verstanden. Wir hatten eigentlich gehofft nach der kurzen Nacht etwas Schlaf nachholen zu können, wollten Rouyen gegenüber aber natürlich nicht unhöflich sein und versuchten dementsprechend zwanghaft eine Konversation aufrecht zu erhalten. Während wir uns mit Hilfe von Pantomime und Malereien zum Affen machten und so versuchten mit Rouyen zu kommunizieren, schien er nicht wirklich zu verstehen, dass wir tatsächlich weder Aserbaidschnisch noch Russisch sprechen konnten. Wenn wir ihm bedeuteten, dass wir nicht verstehen konnten was er sagte, wiederholte er einfach das selbe Wort immer und immer wieder, offenbar in dem Glauben, wenn er es nur oft genug sagte, würden wir es schon irgendwann verstehen. Wir versuchten ihn dazu zu bringen, wenigstens etwas aufzumalen, um es uns verständlicher zu machen, doch statt Dinge zu malen, schrieb er einfach nur dasselbe Wort auf Aserbaidschanisch nieder und ging dann davon aus, dass wir dadurch auf einmal verstehen würden, was er meinte. Nachdem das über mehrere Stunden so ging wurden wir irgendwann immer frustrierter und nahmen es auf einmal als Last wahr, Gast zu sein.

Rouyen war jedoch nicht das eigentliche Problem, da er immerhin gute Intentionen hatte und ein wirklich liebenswerter Mensch war, der es nur einfach ein bisschen zu gut meinte. Viel mehr störte uns sein Angestellter, der auf uns wirkte als hätte er entweder schon ein paar Bier oder sonstige Drogen zu viel intus oder als wäre er tatsächlich geistig behindert. Anfangs war er noch einigermaßen zurückhaltend, fragte uns aber schon da gierig darüber aus wie viel unser Zelt, unsere Fahrräder und alles andere gekostet hatte. Wir nannten ihm natürlich nie den tatsächlichen Preis sondern immer nur ein Zehntel davon. Später, als wir mit Rouyen am Tisch saßen und Tee tranken, schlich sein Angestellter ständig um uns herum und machte heimlich Fotos von uns mit seinem Handy. Wir bekamen das sofort mit und forderten ihn auf die Fotos zu löschen und das Fotografieren bleiben zu lassen, doch er probierte es immer wieder und jedes Mal hatten wir anschließend wieder die gleiche Diskussion. Ab und zu kam er zu Sascha, rieb seinen Daumen und Zeigefinger aneinander (wohl als Zeichen für Geld) und lachte dann hysterisch los. Irgendwann wurde uns das alles zu bunt und wir fingen wieder an unsere Sachen zusammenzupacken um uns doch irgendwo anders einen Zeltplatz zu suchen. Als Rouyen das jedoch mitbekam, griff er endlich ein und schickte seinen sonderbaren Angestellten nach Hause. Nachdem dieser kurze Zeit später auch tatsächlich im Taxi davongebraust war, konnten wir endlich entspannen. Zumindest so lange bis Rouyen wieder mit dem nächsten Tee ankam und wieder unser erfolgloses Gespräch aufnahm. Bis 22 Uhr saßen wir noch mit ihm zusammen und führten unser anstrengendes Pantomime-Spiel fort, bis wir ihn dann endlich davon überzeugen konnten, dass wir jetzt wirklich schlafen gehen müssten. Müde fielen wir in unser Zelt und schliefen sofort ein, bis auf einmal um 00:30 Uhr in der Nacht Saschas Handy klingelte: es war Rouyen. Wir wissen bis heute nicht, was er uns am Telefon noch gesagt hatte, denn überraschenderweise konnten wir selbst nach einem Tag Pantomime immer noch kein Aserbaidschanisch – welch Überraschung!

Auch wenn wir mit aller Kraft versuchten immer wieder auch die positiven Dinge an Aserbaidschan zu sehen, fiel und das offengestanden mit jedem Tag etwas schwieriger und so waren wir sehr froh, nach zum Glück nur einer Woche in diesem Land in Lankaran anzukommen, wo wir uns ein Hotel nahmen und Zeit hatten das Geschehene endlich in Ruhe zu verarbeiten. Es wäre nicht fair pauschal zu sagen, dass unser Aufenthalt in Aserbaidschan schlecht war. Wir trafen durchaus vor allem in den ersten paar Tagen auf viele freundliche Menschen, die uns Tee anboten, manchmal sogar einen Schlafplatz oder die einfach nur ehrlich interessiert nachfragten, was wir hier machten. Aber dann gab es eben auch die dickbäuchigen Männer mit ihren Goldzähnen, die schon um 6:30 Uhr morgens vor den Supermärkten standen und uns schon leicht angetrunken Sachen zugröhlten; das penetrante Hupen der Autos; Menschen, die aus dem Auto heraus Fotos und Videos von uns machten ohne uns um Erlaubnis zu fragen und uns das Gefühl gaben, Zootiere zu sein; das ständige Gefühl, dass wir ein extra waches Auge auf unsere Fahrräder haben müssten, wenn wir in eine größere Ortschaft kamen; und viele Kleinigkeiten mehr.

Natürlich bin ich keine Aserbaidschan-Expertin nur weil ich jetzt eine Woche lang mit dem Fahrrad durch das Land gefahren bin. Aber mein Eindruck war, dass hier zwei Welten aufeinanderprallen, die sich einfach nicht gut miteinander vereinbaren lassen: Einmal der starke russische Einfluss, der den Fokus auf Statussymbole und Geld lenkt, dem Alkohol nicht ganz abgeneigt ist und das Interesse an anderen Menschen nur dann akzeptabel macht, wenn man dadurch einen Vorteil für sich selber gewinnt. Auf der anderen Seite dann aber auch wieder der muslimische Einfluss, der durch seine Gastfreundschaft und Offenheit glänzt. Wir kamen mehrmals in die Situation, dass wir schon komplett von diesem Land genervt waren und damit schon mehr oder weniger abgeschlossen hatten, bis dann auf einmal doch wieder ein netter Supermarkt-Besitzer uns ein Eis schenkte oder jemand uns aufmunternde, liebe Worte zurief, ganz so als wolle Aserbaidschan uns sagen: „Ne Leute, von euch lasse ich mich nicht in eine Schublade stecken.“ Und genau mit diesem Hintergedanken muss man diesem vielschichtigen Land vielleicht auch entgegentreten.

 

 

 

 

 

Etappe 7: Gerze – Tiflis

Nach den anstrengenden Tagen, in denen wir uns durch das türkische Hinterland und die Berge vor Gerze gekämpft hatten, waren wir anfangs ganz froh über die nun flachen Straßen ohne jegliche Steigungen. Schon bald mussten wir uns jedoch eingestehen, dass manchmal ein bisschen mehr Schweiß es wert ist, wenn man dafür tolle Landschaften und die Ruhe der Natur hat, anstatt Stunde um Stunde auf einem Seitenstreifen neben LKW’s herzufahren. Wir ahnten schon, dass die nächsten Tage bis zur georgischen Grenze wohl so eintönig bleiben würden und traten daher besonders kräftig in die Pedale, um das Ganze wenigstens nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Immerhin trafen wir unterwegs auf etliche Leute, die die uns unser Leben immer wieder versüßten.

Kurz vor Samsun fragten wir uns gerade bei verschiedenen Leuten durch, wo denn der nächste Campingplatz sei, als wir von einem Ehepaar eingeladen wurden doch einfach unser Zelt bei ihnen im Garten aufzustellen. Als sie uns kurz darauf Kekse und Tee anboten, waren  wir zuerst etwas verblüfft, da ja nach wie vor Ramadan in der Türkei war. Auf unsere Nachfrage hin winkten unsere Gastgeber jedoch ab und meinten, dass sie Atheisten seien. Also genossen wir alle zusammen bei freiem Blick auf’s Meer eine Tasse Tee und unterhielten uns währenddessen mit Hilfe unseres treuen Dolmetschers google translate.

Nach einer kleinen Führung durch die Nachbarschaft, bereitete Tülay uns ein fantastisches Abendessen mit dem zartesten Fleisch und dem leckersten Pide, das wir je gegessen hatten. Zum Essen kamen auch noch Özlem und ihr Ehemann dazu, die gleich im Haus nebenan wohnten. Özlem ist praktischerweise Englischlehrerin und konnte so für den Rest des Abends den Dolmetscher-Job übernehmen. Kaum stand das Essen auf dem Tisch, wurde auch gleich der Vodka rausgeholt und so wurde die Stimmung schnell feucht-fröhlich. Wir lachten so viel und fühlten uns so geborgen, dass wir selber bald kaum glauben konnten, dass wir diese tollen Menschen vor gerade einmal ein paar Stunden kennengelernt hatten.

Auch am nächsten Morgen hörte die Gastfreundschaft nicht auf. Um 9 Uhr morgens kredenzte Tülay uns ein wunderbares Frühstück mit selbstgemachter Marmelade, gekochten Eiern und noch Vielem mehr, was bei uns schon richtige Heimatgefühle aufkommen ließ. Umso schwerer fiel uns der Abschied von den beiden, als wir uns dann doch irgendwann vom Tisch losreißen und wieder auf unsere Fahrräder steigen mussten.

In Samsun angekommen zogen wir los in ein Einkaufszentrum um dort noch ein paar Besorgungen zu machen. Was in Leipzig stets eher einen Nachmittag voller Stress, umringt von genervten Leuten, bedeutet hatte, konnten wir jetzt auf einmal in vollen Zügen genießen. Noch nie hatten wir eine Shopping Mall, in der alle Läden auf einem Haufen sind und man nicht stundenlang durch eine fremde Stadt irren muss um eine Kleinigkeit zu kaufen, als so praktisch empfunden. Zur Mittagszeit stellten wir verblüfft fest, dass es wohl noch viel mehr Türken gibt, die nicht allzu großen Wert auf den Ramadan legen: Sämtliche Restaurants waren mindestens zur Hälfte gefüllt mit Leuten, die Burger in sich hineinschaufelten oder sich eine Pizza gönnten. Hoch erfreut das zu sehen, gesellten wir uns natürlich gleich dazu und gönnten uns ebenfalls einen Snack.

Von Samsun aus ging es dann weiter Richtung Osten. Nach wie vor stets auf der lauten, langweiligen und trotzdem stressigen Bundesstraße. Nach unserem unfreiwilligen, einwöchigen Aufenthalt in Trabzon, kam das Ende dann aber endlich irgendwann in Sicht. An unserem letzten Tag in der Türkei trafen wir durch Zufall noch auf Marcel und Kristina aus Deutschland, die momentan ebenfalls auf dem Weg nach Singapur sind. Wir freuten uns schon, endlich mal wieder jemanden gefunden zu haben, mit dem wir für ein paar Tage zusammen fahren können, doch leider hingen die beiden gerade in Hopa fest und warteten dort (schon seit 10 Tagen!) auf ein wichtiges Paket aus Deutschland. Ein paar Kilometer später ging es dann endlich über die Grenze nach Georgien. Auch wenn wir die Türkei in den vergangenen Wochen sehr lieb gewonnen hatten, waren wir doch froh, endlich wieder ein neues Land betreten zu können und wieder neuen Wind in unser kleines Abenteuer zu bringen.

Schon innerhalb der ersten paar Kilometer auf georgischen Straßen merkten wir, dass der Verkehr hier nicht ganz so fahrradfreundlich ist wie in der Türkei. Augenscheinlich gibt es hier eine unsichtbare dritte Fahrspur, die sich genau auf dem Mittelstreifen befindet und die von beiden Seiten zu jeder Zeit zum Überholen genutzt werden kann. So konnte es also passieren, dass uns auf einmal zwei Autos nebeneinander entgegen kamen, während uns ein drittes von hinten überholte – und das alles, während wir versuchten den unzähligen Kühen auszuweichen, die mitten auf der Fahrbahn standen. Doch glücklicherweise konnten wir diesem Getümmel schon bald entkommen und fanden kurze Zeit später einen tollen Platz für unser Zelt (liebevoll Pierre genannt). Seit fast zwei Wochen hatten wir nicht mehr in unseren eigenen vier „Wänden“ geschlafen und es fühlte sich unglaublich gut an, endlich wieder die alte, abendliche Routine aufzunehmen und zu den Geräuschen der Natur um uns herum einzuschlafen.

Die nächsten zwei Tage standen ganz im Zeichen von Bergen und einer traumhaften Landschaft, in Kombination mit einer ganzen Menge Schweiß. Immer an einem Fluss entlang arbeiteten wir uns Stück für Stück zum Goderdzi-Pass auf 2025m hoch. Größtenteils zum Glück auf sehr schön geteerten, wenig befahrenen Straßen. Manche Menschen, an denen wir vorbeikamen, waren nicht ganz so offen und enthusiastisch wie die Türken, doch sobald wir sie mit einem freundlichen „Garmadschoba“ grüßten, tauten sie sofort auf und waren dann sehr herzlich. Viele Georgier feuerten uns aber auch von sich aus an und scheuten dabei vor allem nicht davor zurück, ausgiebig Gebrauch von ihrer Autohupe zu machen. Ab Khulo wich der Teer einer anspruchsvollen Schotterpiste, die uns vor allem auf den letzten 10km so einiges abverlangte. Umso besser schmeckte dafür dann das Essen, das wir uns nach acht Stunden harter Arbeit im Restaurant „Edelweiss“ gönnten. Es gab eine Art Gemisch aus Ei und Käse, zusammen mit frisch gebackenem Fladenbrot. Klingt auf den ersten Blick vielleicht nicht wirklich überzeugend, schmeckt aber tatsächlich unwahrscheinlich gut!

Bergab ging es nicht wirklich schneller als bergauf, da uns die groben Schottersteine konsequent auf etwa 8km/h beschränkten. Doch irgendwann standen wir dann tatsächlich wieder auf richtigem Teer und von da an ging es dann auch deutlich zügiger voran. Nach wie vor durch wunderschöne Landschaften, die uns teilweise sogar grandiose Ausblicke auf die schneebedeckten Gipfel des Kaukasus-Gebirges ermöglichten. Selbst die Fahrt nach Tiflis hinein verlief über Seitenstraßen erstaunlich stressfrei. Da wohl gerade Fahrrad-Hochsaison in Tiflis ist, schafften wir es leider nicht einen Platz bei einem Warmshowers-Host zu ergattern. Dafür fanden wir jedoch ein sehr schönes und günstiges AirBnB mitten im Zentrum, zu einem erschwinglichen Preis.