Etappe 12: Scharkent – Lanzhou

Auf die chinesische Grenze zuzufahren war eines der surrealsten Gefühle der gesamten bisherigen Reise. Während wir uns über kasachische Holperstraßen kämpften, ragten in der Ferne die ersten Hochhäuser in den Himmel und wir wussten, dass jetzt noch einmal eine ganz andere Reise beginnen würde.

Die Grenzkontrolle war strenger als bei allen bisherigen Grenzübertritten: Wir mussten unsere Fingerabdrücke abgeben, unser gesamtes Gepäck wurde mehrmals gescannt und sogar unsere Handys wurden nach auffälligen Dateien (oder was auch immer die Beamten dort befürchteten) durchsucht. Als sie unseren Laptop sahen, verzogen sich ihre Gesichtszüge schlagartig und nahmen einen leicht panischen Zug an. Wir verstanden erst gar nicht warum, bis wir sahen, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte: Vorne auf dem Laptop hatte Sascha schon seit Langem einen Sticker kleben. Er zeigte einen oberkörperfreien, dickbäuchigen Kim Jong-un, wie er auf einem Sessel trohnte – darüber die Überschrift „Chill Like Kim“. Während wir uns innerlich das Lachen verkneifen mussten, versicherten wir den Beamten hoch und heilig, dass wir nicht wüssten wer dieser Mann sei und dass wir den Sticker geschenkt bekommen hatten, was uns tatsächlich auch geglaubt wurde. So konnten wir dann also endlich nach China einreisen!

Direkt nach der Grenze trafen wir zu unserer Freude auf zwei weitere Fahrradfahrer: Michael aus Deutschland und James aus England. Während wir darauf warteten, dass ein weiterer Beamter noch unsere Handynummern aufnahm und Fotos von uns machte, beschlossen wir, bis Urumqi zusammen weiterzufahren. Vor dieser Etappe hatten wir alle etwas Respekt, da sie durch die Region Xinjiang führt, die für ihre starke Polizeipräsenz bekannt ist. Den Berichten anderer Reisender zufolge kommt es hier wohl regelmäßig vor, dass Radfahrer teilweise für mehrere hundert Kilometer von Polizeiautos eskortiert werden, manchmal auch direkt von ihnen eingeladen und bis in die nächste Stadt kutschiert werden und nicht selten gezwungen werden in teuren Hotels zu übernachten anstatt campen zu dürfen, was jedoch offiziell legal ist.

Tatsächlich gerieten auch wir dann mehrmals in solche Polizeicheckpoints. Wäre auch verwunderlich gewesen, wenn nicht, denn ein solcher Checkpoint steht hier an jeder Tankstelle, jeder Mautstation, jedem Ortseingang und noch an vielen weiteren Stellen. Jedoch waren die Kontrollen wesentlich harmloser als wir befürchtet hatten, vor allem weil die Polizeibeamten durchweg unglaublich freundlich zu uns waren. Während wir oft über eine Stunde lang warten mussten, während wir beim jeweiligen Checkpoint registriert wurden, versorgten uns die Beamten mit Getränken, manchmal sogar mit ein paar Snacks und versicherten uns jedes Mal, dass uns nichts Schlimmes passieren würde. Generell hatten wir auch ziemlich viel Glück und wurden bei den meisten Kontrollen nach einer gewissen Wartezeit einfach weiter gewunken. Einen Tag erlebten wir jedoch, der alle anderen in den Schatten stellte und der bei uns dann doch den Wunsch aufkommen ließ, Xinjiang möglichst schnell hinter uns zu lassen:

Es fing damit an, dass wir nach nur 5 Kilometern Fahrt gleich am Morgen in den ersten Checkpoint kamen. Er war am Ortseingang einer größeren Stadt, in der wir neuen Proviant besorgen wollten. Etwa eine halbe Stunde mussten wir warten, bis die übliche Registrierung abgeschlossen war. Danach durften wir jedoch nicht einfach weiter fahren sondern bekamen eine Polizeieskorte, hinter der wir bis zu einem Supermarkt hinterherfahren mussten. Selbst im Laden ließ uns der Beamte nicht aus den Augen und eskortierte uns auch danach noch mehrere Kilometer, bis wir wieder die Stadtgrenze erreichten. Nur knapp eine Stunde später gelangten wir zum nächsten Checkpoint. Hier blieb uns zwar diesmal die Eskorte erspart, doch auch diesmal mussten wir wieder fast eine Stunde warten, bis wir unsere Reise fortsetzen durften. Immerhin ließ eine der Beamtinnen Sascha per google translate wissen, dass er ein „very handsome man“ sei – so etwas gäbe es in Deutschland wohl auch nicht. Um nach all der Warterei wieder etwas Zeit gutzumachen, stahlen wir uns wieder zurück auf die G30, den großen Highway, auf dem man am leichtesten viel Strecke in kurzer Zeit machen konnte. Lange blieb uns das Glück jedoch nicht vergönnt, da wir schon bei der nächsten Mautstelle wieder von ein paar Polizisten runter geschmissen wurden, nicht ohne die obligatorische vorherige Registrierung, natürlich. Über holprige Feldwege kämpften wir uns somit als wieder zurück auf die kleinere Nationalstraße, nur um kurz darauf schon wieder in den nächsten Checkpoint zu gelangen. Inzwischen war es schon nach 18 Uhr, unsere Beine entsprechend müde und unsere Mägen hungrig. An diesem Checkpoint mussten wir fast 1,5 Stunden warten um dann gesagt zu bekommen, dass die Beamten uns mitsamt Fahrrädern in ein Auto einladen und bis zur nächsten Distriktgrenze fahren wollen. An sich hatten wir nichts dagegen, doch als wir auf den Parkplatz gelangten, erwartete uns dort ein Polizeiauto von der Größe eines VW Caddy – und da sollten vier Radfahrer inklusive Rädern und Gepäck plus der Polizeibeamte hineinpassen! Niemals! Das machten wir dann auch dem zuständigen Polizisten klar. Wir fragten, wie weit es denn bis zur nächsten Grenze sei und als er „10 Kilometer“ antwortete, konnten wir ihn davon überzeugen für diese Strecke einfach hinter uns her zu fahren und uns so zu eskortieren. Also schwangen wir uns wieder auf die Räder, schalteten Lichter und Kopflampen an, da es inzwischen schon dunkel wurde und machten uns auf den Weg. Nach den vereinbarten 10 Kilometern machte der Polizist jedoch keine Anstalten anzuhalten und uns unsere Ausweise wieder zurückzugeben. Nach weiteren 5 Kilometern reichte es uns dann und wir hielten am Straßenrand an, obwohl der Polizist uns konstant durch seine Lautsprecher mit einem genervten „go, go, go!“ antrieb. Inzwischen war es stockdunkel, wir hatten schon knapp über 100 Kilometer auf dem Tacho und seit dem Mittag nichts mehr gegessen. Nach einigem Hin und Her gestand der Polizist schließlich ein, dass es wohl anstatt der behaupteten 10 Kilometer fast 40 bis zum nächsten Checkpoint seien, zu dem er uns eskortieren wolle. Das war definitiv zu viel für uns und inzwischen bei der Dunkelheit auch zu gefährlich. Trotz aller „Überredungsversuche“ seitens des Polizisten (im Grunde genommen wiederholte er einfach nur alle paar Minuten sein „go, go, go“-Mantra) weigerten wir uns deshalb noch weiter zu fahren. Wir boten an, hier an Ort und Stelle unsere Zelte aufzuschlagen und dann morgen die restlichen Kilometer zurückzulegen, was jedoch auf wenig Zustimmung stieß. Es dauerte eine weitere halbe Stunde bis der Polizist schließlich ein zweites Auto anforderte, in das wir dann zwei der Räder mitsamt Gepäck verluden, während die anderen beiden in das erste Auto verfrachtet wurden. Ja, auf die Idee hätte man eventuell auch früher kommen können aber dieses Kommentar haben wir uns dann besser verkniffen.

Mit Blaulicht und Elektromusik ging es dann also noch 25 Kilometer weiter bis zum nächsten Checkpoint. Auch hier erwartete uns wieder die übliche Registrierungs-Zeremonie. Bis wir wieder aus dem Polizeigebäude herauskamen und die Taschen auf unsere Fahrräder luden, war es kurz vor Mitternacht. Mit knurrenden Mägen fuhren wir erneut los, fanden aber glücklicherweise nur ca. 1 Kilometer später ein kleines Wäldchen, in dem wir unsere Zelte aufschlagen wollten. Gerade schoben wir unsere Räder darauf zu, als wir von der Straße her ein Hupen und laute Rufe hörten: Ein Polizist saß dort auf seinem Motorrad und pfiff uns zurück. Das Herz sackte uns allen in die Hose und resigniert schlurften wir zum Straßenrand zurück. Ironischerweise stellten wir fest, dass der Polizist genau derselbe war, der 10 Minuten zuvor noch unsere Personalien aufgenommen hatte. Trotzdem tat er so, als wüsste er nicht wer wir seien und sammelte erneut all unsere Ausweise ein. Offensichtlich war der Mann gerade auf dem Heimweg gewesen und hatte uns nur per Zufall gesehen. Während in Deutschland jeder andere Beamte wahrscheinlich imaginäre Scheuklappen angelegt hätte und einfach vorbeigefahren wäre um endlich in seinen wohlverdienten Feierabend zu kommen, war bei diesem Exemplar hier das Pflichtbewusstsein wohl so übermächtig, dass er das nicht mit sich vereinbaren konnte. Gleichzeitig schien er aber auch keinen Plan zu haben, was er jetzt mit uns anstellen sollte, weshalb er erst einmal Verstärkung rief. Fünf Minuten später kam diese in Form von drei weiteren Beamten auch schon mit Blaulicht herangerauscht. Sofort kam die Diskussion auf, ob man uns wieder in ein Auto verfrachten und dann zum nächsten Hotel kutschieren solle. Daraufhin erwiderten wir aber,  dass wir nicht bereit seien mehr als 50 Yuan (etwa 6 Euro) für eine Übernachtung zu bezahlen, was ihnen gleich wieder den Wind aus den Segeln nahm. Niemand der vier Beamten schien hoch genug in der Rangfolge zu stehen um hier eigene Entscheidungen treffen zu dürfen, weshalb sie ihren Vorgesetzten kontaktierten und dann über eine halbe Stunde lang auf dessen Antwort warteten. Inzwischen war es 1 Uhr nachts, als auf einmal ein Anruf kam und alles ganz schnell ging: Der Chef der vier Polizisten gab offenbar sein Okay, dass wir hier campen dürften, denn plötzlich hielten wir alle unsere Ausweise wieder in der Hand und zwei Sekunden später waren die Polizisten davongebraust. Wir waren von dieser plötzlichen Wendung völlig überrumpelt, sprangen aber sofort auf und schlichen uns ohne Kopflampen im Dunkeln in die Büsche um auch ja nicht noch einmal gesehen zu werden. Endlich konnten wir unsere Zelte aufstellen und zu Abend essen – zur Feier des Tages mal etwas ganz Ausgefallenes: Instant-Nudelsuppe von der Tankstelle. Bis wir in unseren Schlafsäcken lagen war es 2 Uhr.

So sahen natürlich (und zum Glück!) nicht alle Tage aus. Dieser hier war bei Weitem der Anstrengendste und Polizei-reichste gewesen. Trotzdem waren wir heilfroh als wir am nächsten Tag dann endlich Urumqi erreichten. Wenige Tage später, in Turpan, wurde Sascha von einer Grippe erwischt, die sich eine Woche lang hartnäckig hielt und uns ein wenig in unserem Zeitplan zurückwarf. In jedem anderen Land hätte uns eine einwöchige Fahrpause – noch dazu in einem so schönen Hostel wie wir es in Turpan hatten – nicht im Geringsten gestört. Hier in China jedoch kam bei uns leichte Nervosität auf, ob wir es jetzt noch schaffen würden die insgesamt ca. 5000 Kilometer innerhalb der 90 Tage, die uns durch das Visum vorgegeben waren, zu bewältigen. Glücklicherweise blieben wir bei unserer Weiterfahrt größtenteils von dem kräftigen Gegenwind verschont, der typischerweise in einigen Gebieten der Wüste Gobi wütet und schon so manchen Radfahrer zum Verzweifeln gebracht hat. So stellte sich bei uns schnell eine zugegeben etwas eintönige Routine ein:

  • Aufstehen um 7 Uhr
  • Frühstück (meist bestehend aus Milchbrötchen oder anderen süßen Snacks von der Tankstelle, alternativ auch Instant-Nudelsuppe)
  • Ca. 3 Stunden Fahrradfahren
  • Mittagspause (optimalerweise an einer Raststätte mit angeschlossenem Restaurant, ansonsten mitten au dem Seitenstreifen)
  • noch einmal ca. 3 Stunden Fahrradfahren
  • Abendessen (typischerweise Nudeln mit Ketchup, ansonsten die altbewährte Instant-Nudelsuppe).

Wir hatten definitiv schon einmal spannendere Etappen gehabt und waren noch nie so froh gewesen, dass es so etwas wie Podcasts und Spotify gibt. Dafür kamen wir aber auch sehr schnell voran und erreichten pro Fahrtag einen Schnitt von 109 Kilometern. Aus Mangel an Alternativen schliefen wir immer entweder in Tunneln, die unter dem Highway hindurchführten oder direkt an Raststätten. Die Chinesen begegneten uns durchweg sehr freundlich. Fast täglich bekamen wir von ihnen Obst oder andere Knabbereien geschenkt. Da Englischkenntnisse hier absolute Mangelware sind (ein paar Beispiele dazu gibt es unten bei den Fotos), war ein oberflächlicher Smalltalk mit Händen und Füßen leider immer das Maximum, was an Konversation möglich war.

Eine Sache, die nach wie vor gewöhnungsbedürftig ist, ist die komplett andere Wahrnehmung von Privatsphäre. Dass Menschen oft Selfies mit uns zusammen machen wollen, sind wir inzwischen gewohnt. Hier in China sind es jedoch nicht nur Selfies. Egal ob wir gerade im Supermarkt nach Essen suchen oder draußen vor der Tankstelle unsere Instant-Suppe genießen, ständig strecken die Chinesen uns ihre Handys entgegen und machen ungefragt Fotos von uns. Wir hatten sogar einige Fälle, in denen jemand per Facetime festhielt, wie wir zum Beispiel unser Zelt hinter einer Raststätte aufstellten und es in Echtzeit zu seinen Freunden übertrug. Die öffentlichen Toiletten sind ein weiterer Punkt: Davon abgesehen, dass es weder Toilettenpapier noch Seife gibt, haben manche Klokabinen noch nicht einmal Türen. Im Boden verläuft eine breite Rinne, in die man sich erleichtert. Zwar sind einzelne Zellen durch eine Trennwand separiert, sodass einem wenigstens der Anblick auf das nackte Hinterteil seiner Vorderfrau erspart bleibt, zur Seite hin sind die Kabinen jedoch offen, sodass jeder, der vorbei läuft, einen ungehinderten Ausblick hat. Dass es in China nicht als eklig angesehen wird auf den Boden zu spucken, war mir bereits vorher bewusst. Was mich dann aber doch ein bisschen überraschte, war die Inbrunst und Häufigkeit, mit der man das hier tut sowie die Tatsache, dass selbst Fußböden in Restaurants oder generell innerhalb von Gebäuden nicht davon verschont bleiben. Aber ja, auch für solche Erfahrungen macht man solch eine Reise … oder?

Inzwischen sind wir nun also in Lanzhou angekommen. Momentan steht die Frage im Raum, ob wir die komplette restliche Strecke mit dem Fahrrad zurücklegen oder für einen Teil den Zug nehmen werden. Auch wenn die kommenden Etappen deutlich bergiger sein werden als die bisherigen, könnten wir es rein zeitlich wahrscheinlich schaffen. Dann hätten wir allerdings kaum noch Zeit uns auch die Städte einmal näher anzusehen und dürften uns pro Woche nur einen Pausentag erlauben. Für viel Touristenprogramm wäre da nur noch wenig Zeit. Selbst drei volle Monate sind also wohl doch nicht genug um dieses riesige und beeindruckende Land in seiner vollen Gänze zu erfahren.

 

 

 

 

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Etappe 11: Bishkek – Scharkent

Endlich ging es nach langer Fahrradfahrabstinenz und vielen Unterbrechungen nun wieder auf die geliebten Drahtesel, die uns in einer großen Schleife durch Kirgistan und den äußersten Osten von Kasachstan an die chinesische Grenze und somit an das Ende der zweiten Etappe bringen sollten. Noch immer etwas traurig, dass wir ohne unsere flauschige Begleiterin Ginny weiter fahren mussten, aber trotzdem mit einer großen Portion Vorfreude ging es von Bishkek, der Hauptstadt Kirgistans, aus in die Berge. Der erste Vorgeschmack auf die atemberaubende aber auch anstrengende kirgisische Berglandschaft ließ dann auch nicht lange auf sich warten, als wir den Too Ashu Pass mit seinen 3500 Höhenmetern in Angriff nahmen. Unter den verwunderten Blicken zahlloser Wildpferde kämpften wir uns innerhalb von 2 Tagen den Pass hinauf. Leider war es etwas verregnet, was die Aussicht aber nur spektakulärer machte, da die Wolken die umliegenden 4000er nur schemenhaft oder für einen kurzen Augenblick frei gaben und so einen Blick auf die frischen Schneefelder ermöglichten. Auf der Abfahrt war es dann spürbar kalt und seit langem mussten wir unsere Handschuhe und Gamaschen, die sich in den hintersten Winkeln unserer Taschen verbargen, hervorholen, um die Abfahrt in die nun folgende Hochebene genießen zu können.

Abzweigend von der asphaltierten Hauptstraße holperten wir weiter Richtung Osten und holpern ist eine nette Umschreibung für die Straßen Kirgistans. Denn sobald man die Hauptstraßen hier verlässt, wird man von Schotterstraßen jeglicher Couleur begrüßt. So ging es auf einer zunächst noch angenehmen Piste durch verträumte Sowjet-Dörfer, vorbei an winkenden Kindern und reitenden Kirgisen, bei denen Belle oft sehr neidisch wurde, denn so über die grasbewachsenen Hochebenen zu fetzen, ließ dann schnell Zweifel an der Wahl des momentanen Fortbewegungsmittels aufkommen. Unbeeindruckt davon brachten uns unsere treuen Begleiter jedoch tiefer und tiefer in das kirgisische Hinterland. Entlang von türkisblauen Flüssen, rot-braunen Felsformationen und schneebedeckten Gipfeln genossen wir es endlich wieder unterwegs sein zu können. Auch die Zeltplatzsuche gestaltete sich vollkommen unproblematisch denn die grünen abgegrasten Wiesen waren wie geschaffen für unser Zelt Pierre und sollte dann doch ein Kirgise unser Nachtlager entdecken, winkte er nur freundlich und machte sich anschließend auf zu seiner Jurte. Man merkt diesem Teil Kirgistans seine nomadischen Wurzeln jederzeit an und uns hat die Ausgeglichenheit und Freundlichkeit der Nomaden wirklich sehr beeindruckt. Jedoch hoffen wir, dass dies auch weiterhin so bleiben wird, denn immer mehr und mehr Touristen entdecken diesen „Geheimtipp“ für sich und es bleibt abzuwarten wie die Lokalbevölkerung mit dieser Entwicklung umgeht.

So haben wir dann auch Maria kennen gelernt, eine deutsche Radfahrerin aus Berlin, die uns die nächsten Tage zum Song-Köl, einem Bergsee in der Mitte Kirgistans, begleiten sollte. Die Strecke zu unserem Zwischenziel hat uns dann auch einiges abverlangt, denn es ging über grobe Schotterpisten auf einen 3400 Meter hohen Pass hinauf und als ob dies nicht schon anstrengend genug wäre, wurden wir konstant von alten Kamaz-Trucks aus der Sowjetzeit begleitet, die Kohle aus der benachbarten Miene abholten. Die Staubwolken, die diese Ungetüme aufgewirbelten, hüllten uns jedes Mal für einige Sekunden ein und der Staub kroch nach und nach in jede Ritze. Daher half auch das abendliche Waschen im Fluss nicht sonderlich, da dieser voller Kohle-Sedimente war.

Endlich schafften wir es zu dritt dann nach zwei anstrengenden Tagen zum Bergsee, der gerade von der untergehenden Sonne wie zur Belohnung in ein rot-goldenes Licht gehüllt wurde. Eingerahmt wurde dieser See von einer Kette von 5000ern und einem Hochplateau, auf dem sich hunderte Wildpferde tummelten und hin und wieder ein paar Jurten zu finden waren. Atemberaubend und wirklich eines der Highlights unserer bisherigen Reise! So beschlossen wir nach den Anstrengungen der letzten Tage hier einen Pausentag einzulegen und den Staub von unseren müden Gliedern zu waschen. Tags darauf sagten wir Maria Lebewohl und machten uns über zwei weitere 3000er Pässe auf weiter Richtung Osten. Nach und nach leerte sich unsere Essenstasche spürbar und so mussten wir die verbleibenden Fladenbrote und Wurst rationieren, damit die Nahrung ausreichte, um uns über die bevorstehenden Gipfel und in die nächste Stadt zu bringen, in der wir einen Kiosk vermuteten. Denn Einkaufsmöglichkeiten sind hier rar gesät und wenn dann mal ein „Magazin“ zu finden ist, gibt es entweder Kekse, Alkohol oder Kippen – nicht sehr nahrhaft. Dennoch waren wir überglücklich unverhofft auf unserem Weg auf einen kleinen Laden zu stoßen, der natürlich auch Kekse führte. Glücklich über die kulinarische Abwechslung bescherte uns auch der aufkommende Regen keine schlechte Laune. Als wir jedoch den 3000er Pass bezwungen hatten und in die nächste Stadt fahren wollten, wurde der Regen stärker und stärker und so wurde es auf der Abfahrt sehr sehr ungemütlich. Die schöne Berglandschaft interessierte uns daher kaum noch, als wir nass bis auf die Unterhose bei einem kleinen Restaurant ankamen, das glücklicherweise auch ein paar Zimmer vermietete. Und das Beste, sie hatten eine heiße Dusche! Nachdem wir das Bad in eine Dampfsauna verwandelt hatten und unsere nassen Klamotten kreuz und quer im gesamten Zimmer zum Trocknen verteilt hatten, fielen wir vollkommen erschöpft in die Betten und erwachten zu einem strahlend blauem Himmel, der so tat als wenn nie etwas gewesen wäre.

Nun hatten wir auch die Nebenstrassen hinter uns gelassen und rollten ausnahmsweise über perfekten Asphalt, den die Chinesen auf Grund einer neuen Initiative „The New Silk Road“ (zu deutsch: die neue Seidenstraße) verlegt haben, um in den Nachbarländern chinesische Waren besser an den Mann bringen zu können, hinunter zum Issyk-Köl, dem größten See Kirgistans. Obwohl uns viele Touristen von der Schönheit dieses Sees berichtet hatten, empfanden wir ihn im Vergleich zum Hinterland als relativ unspektakulär, genossen allerdings das all-abendliche Baden im See, als es für uns weiter Richtung Karakol im Norden Kirgistans ging. Dort machten wir nun endlich eine ausgiebige Pause und erholten uns von den Strapazen Kirgistans. Und das Beste war, dass das Hostel ein Pferd und einen Hund hatte, der einem quer durch die ganze Stadt folgte. So genossen wir die Pause mit gutem Essen, Hundespaziergängen, Pferdestreicheleinheiten und dem entspannten Schlafen in einer Jurte, in der wir am Morgen vom Hund lieb geweckt wurden.

So neigte sich auch das Kapitel Kirgistan mehr und mehr dem Ende zu, als wir von Karakol aus Richtung Norden fuhren und noch einmal einen wunderschönen Abend auf einem Wildcampingplatz verbrachten. Aber auch die Straßen verschlechterten sich wieder zunehmends. Es war so als würde Kirgistan nochmal sagen wollen: „Du willst schöne Landschaften und Natur? Dann verdien sie dir!“ Alles in Allem war Kirgistan neben Georgien bisher das absolute Highlight der Reise und so hatten wir keine hohen Erwartungen an Kasachstan, da wir mental sowieso schon in China waren.

Doch hielt Kasachstan eine schöne Überraschung für uns parat und zwar lag auf dem kurzen Weg, den wir durch dieses riesige Land nahmen, eines der beliebtesten Touristenziele. Der Scharyn-Canyon ist eine kleine Variante des Grand Canyon und war ein wirklich lohnendes Zwischenziel auf dem Weg nach China. Die rötlichen Gesteinsformationen bilden durch die Witterung besonders in einem Teil des Canyons freistehende Felstürme, die so aussehen als hätte ein Riese mit seinem Hammer Skulpturen für die Ewigkeit geschaffen. Sehr beeindruckend aber auch sehr beschwerlich, denn den ganzen Weg den wir in den Canyon hinunter gerollt waren, mussten wir am nächsten Tag natürlich wieder hoch. Glücklicherweise fuhr gerade ein Rangerfahrzeug der Parkleitung von unserem Campingplatz los, als wir uns auf dem beschwerlichen Anstieg machen wollten und nach ein bisschen Verhandlungsgeschick befanden sich unsere Fahrräder und wir auf der Mitfahrgelegenheit Richtung Canyon-Ausgang. Glücklich über diesen Zufall nahmen wir dann die letzten zwei Fahrtage in Angriff und so sind wir nun in Scharkent kurz vor der chinesischen Grenze in einem schönen Hotel angekommen. Die zweite Etappe ist somit so gut wie geschafft und wir sind unglaublich stolz auf uns und dankbar denjenigen, die uns so weit unterstützt haben.

Möge die dritte Etappe bis nach Singapur auch so reibungslos und mit solch schönen Momenten verlaufen, wie die bisherige. Wir sind gespannt. Auf geht’s nach China!

 

 

Etappe 10: Duschanbe – Bishkek

Der Flug von Teheran nach Duschanbe verlief erstaunlich reibungslos – selbst unsere Fahrräder überstanden die Reise ohne einen einzigen Kratzer, was für uns eine Premiere beim Reisen mit Fahrrädern darstellt! Der Flughafen in Duschanbe gab uns gleich eine Vorahnung davon, was uns in dieser „Weltstadt“ wohl erwarten würde: Bis auf die Passagiere, die mit uns im selben Flieger angekommen waren, war die Ankunftshalle wie leer gefegt. Während wir fast 1,5 Stunden am Schalter warteten um offiziell nach Tadschikistan einreisen zu dürfen, landete kein einziges anderes Flugzeug mehr in der Hauptstadt Tadschikistans. Es wäre nicht verwunderlich, wenn unseres an diesem Tag sogar das Einzige war. Nach der Großstadthektik in Teheran und Isfahan kam uns diese ungewohnte Stille, ja fast schon Lethargie, allerdings gerade recht. Kaum hatten wir all unser Gepäck wieder eingesammelt und durch die Ausgangstür geschoben, wurden wir auf einmal umringt von einer Schar Taxifahrer, die alle darauf brannten uns zu unserem Hostel zu chauffieren. Tatsächlich war das auch eigentlich der Plan gewesen, doch als die Männer für die gerade einmal 2km lange Fahrt Preise von 15-20 US-Dollar von uns verlangten, suchten wir uns dann doch ein ruhiges Plätzchen und bauten dort unsere Fahrräder wieder zusammen, um dann selbst zu unserer Unterkunft zu fahren – eine weise Entscheidung, wie sich herausstellen sollte: Von einem Mitarbeiter des Hostels erfuhren wir nämlich später, dass die Fahrt vom Flughafen bis zum Hostel für Einheimische selbst mit Gepäck maximal einen US-Dollar kostet. Wir sind es ja inzwischen gewohnt, immer einen leichten Touri-Aufschlag zu bekommen, aber das fanden selbst wir dann doch reichlich dreist!

Wir verbrachten zwei volle Tage in dem tollen Hostel „Hello, Dushanbe!“, welches ich jedem Reisenden nur wärmstens empfehlen kann! Wir verbrachten einen Vormittag damit, die Stadt nach ein paar kleineren Ersatzteilen zu durchsuchen: Isolierband, Sekundenkleber, Kabelbinder und solche Sachen. Nach mehreren Stunden kamen wir stolz wieder ins Hostel zurück und wollten unsere Errungenschaften gleich ausprobieren, als wir feststellen mussten, dass der Großteil der Käufe nutzlos war: Beim Isolierband hatte man schlauerweise den Klebefilm vergessen, sodass wir nun einfach mit einer Rolle schwarzem Stoff dastanden und der Sekundenkleber war seit zwei Jahren abgelaufen und schon längst vertrocknet. Einzig die Kabelbinder taten was sie sollten. Weil die Teile alle nicht allzu wichtig für uns waren, war das ganze keine Katastrophe, gab uns aber schon einmal einen Vorgeschmack darauf, wie die Versorgungslage und die Qualitätsansprüche hier in Tadschikistan wohl sein würden.

Das Hostel war eine tolle Gelegenheit für uns, endlich mal wieder andere Rad- und Motorradfahrer kennenzulernen und uns mit ihnen auszutauschen. Die meisten hier waren darauf aus, den berühmt-berüchtigten Pamir-Highway zu fahren, der über ca. 1200km teilweise entlang der afghanischen Grenze Richtung Kirgistan führt. Da wir nicht erpicht darauf waren uns so nah an Kriegsgebiete zu begeben und außerdem lieber mehr Zeit in Kirgistan verbringen wollten, hatten wir uns jedoch gegen diese Alternative entschieden und wollten auf mehr oder weniger direktem Weg Richtung Norden nach Chudschand und von dort aus dann Richtung Osten nach Kirgistan. Von mehreren anderen Reisenden wurden wir zudem nachträglich in unserer Entscheidung bestätigt, nicht durch Turkmenistan und Usbekistan zu fahren. Über Turkmenistan hörten wir nur: „Die Hitze ist unerträglich, die Landschaft super langweilig und alle paar Kilometer wir man von Verkehrskontrolleuren angehalten, die dann nicht selten mit Bestechungsversuchen ankommen.“ In Usbekistan seien wenigstens die Städte „ganz nett“, doch auch hier seien die Strecken zwischen den einzelnen Strecken absolut unspektakulär und die Menschen würden ständig versuchen, den Touristen mit vollkommen absurden Preisvorstellungen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Auch in Tadschikistan gab es solche Abzocken natürlich. Dennoch schien hier Einiges im Umbruch zu sein: 2018 war offiziell zum „Year of Tourism Development“ ausgerufen worden. Im Zuge dessen hatte der Präsident zum Beispiel hohe Strafen für Zollbeamte angekündigt, die versuchen sollten, Touristen um Geld zu erpressen. Um dem Problem der Radikalisierung entgegenzuwirken, hatte er ein paar Jahre zuvor ein Gesetz erlassen, dass das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Institutionen sowie das Tragen von Vollbärten bei Männern generell verbot – mit mäßigem Erfolg, wie wir ein paar Tage später feststellen sollten.

Wir waren jedenfalls froh uns endlich wieder auf unsere Fahrräder schwingen und in die Natur entfliehen zu können. Diese zeigte sich auch direkt ab dem ersten Tag von ihrer besten und schönsten Seite. Endlich hatten wir wieder gut befahrbare Straßen mit mäßig viel Verkehr und, was das Beste war, fast immer einen Fluss direkt neben unserer Strecke – ja, sich täglich mit frischem Wasser waschen zu können (manchmal sogar morgens UND abends!) stellt für uns inzwischen tatsächlich Luxus dar! Am zweiten Tag ging es dann ab in die Berge. Alternativ hätten wir auch durch den sogenannten „Tunnel of Death“ fahren können. Einschlägigen Reiseforen zufolge ist dieser Tunnel komplett unbeleuchtet, voll mit Abgasen der hindurchfahrenden Autos, gespickt mit zahlreichen Schlaglöchern und dazu auch einigen Autowracks, die einfach mitten auf der Strecke stehengelassen wurden, nachdem sie den Geist aufgegeben hatten. Auf diese Art von Abenteuer konnten wir getrost verzichten. Zudem erhofften wir uns von dem Umweg über den Anzob-Pass eine besonders schöne Landschaft und wurden diesbezüglich definitiv nicht enttäuscht! Dennoch muss ich gestehen, dass uns dieser Berg mehr abverlangte als wir erwartet hatten. Bevor der Tunnel gebaut worden war, war diese Strecke einmal die Hauptverbindungsroute zwischen Duschanbe und Chudschand gewesen. Inzwischen ist der Weg jedoch durch zahlreiche Steinschläge und mangelnde Pflege für Autos absolut unpassierbar geworden. Die einzigen anderen Menschen, die uns während des kompletten Tages begegneten, waren vier Motorrad-Touristen mit ihren Enduro-Maschinen – und selbst die hatten schon ordentlich zu kämpfen! Die erste Hälfte des Anstiegs konnten wir noch ganz passabel bewältigen. Je weiter wir jedoch in die Höhe kletterten, desto schlechter wurden die Straßenverhältnisse, was uns oft dazu zwang unsere ca. 50 kg schweren Drahtesel über den Schotter zu schieben. Aber selbst dann, wenn der Weg ein Fahren theoretisch zuließ, hatten unsere Beine irgendwann einfach nicht mehr genug Kraft um noch weiter in die Pedale zu treten, sodass wir fast das gesamte letzte Drittel schoben. Noch bevor wir den Pass überhaupt erreicht hatten, schworen wir uns deshalb, zukünftig nur noch mit maximal 1000 Höhenmetern pro Tag zu planen, anstatt davon auszugehen jeden Pass innerhalb eines Tages bewältigen zu können – eine wichtige Lehre für den weiteren Verlauf unserer Reise! Irgendwann hatten wir es dann aber tatsächlich geschafft und zuckelten todmüde nur noch ein paar Kilometer wieder den Berg hinunter. Am Ende des Tages hatten wir innerhalb einer reinen Fahr- bzw. Schiebezeit von 6,5 Stunden sagenhafte 34 Kilometer zurückgelegt. Unser Zelt stellten wir direkt neben der „Straße“ auf – ein Auto würde hier ja sowieso nicht vorbeikommen. Als Belohnung für die Strapazen des Tages konnten wir dafür eine grandiose Aussicht, frisches Bergwasser direkt aus der Quelle und absolute Stille genießen!

Als wir uns zwei Tage später wieder auf der Hauptstraße M34 kurz hinter der Stadt Aini einen Berg hochkämpften, kam was kommen musste: Wir fanden schon wieder einen kleinen Hundewelpen am Straßenrand, der lebensgefährlich verletzt war. Im Laufe der letzten Monate waren wir an hunderten Straßenhunden vorbeigekommen, viele davon kurz vor dem Tod oder viel zu jung, um alleine überleben zu können. Und bis auf unser Hinkebein in der Türkei hatte ich es immer geschafft mich damit zu begnügen ihnen höchstens ein paar Stückchen Wurst hinzulegen und dann weiterzufahren. Diesmal jedoch erwischte es mich wieder einmal als ich sah, dass das kleine Hundemädchen eine häßliche Wunde am Unterleib hatte, die vor Maden nur so überquoll. Ich wusste, dass sie langsam und qualvoll sterben würde, wenn wir sie nicht mitnähmen. Im Unterschied zu den meisten anderen Straßenhunden sah ich aber auch, dass wir dieser kleinen Dame wahrscheinlich mit nur einem einzigen Tierarztbesuch das Leben retten könnten. Also packten wir sie kurzentschlossen in meinen Backroller, hielten den nächsten LKW an, der vorbeifuhr und ließen uns von ihm bis nach Chudschand mitnehmen. Viele Menschen würden diese Aktion wahrscheinlich als lächerlich empfinden, da wie schon gesagt tausende Straßenhunde jeden Tag jämmerlich dahinsiechen. Wir aber sahen hier eine der seltenen Gelegenheiten, aktiv etwas tun zu können. In den seltenen Situationen, wenn bei Sascha und mir mal schlechte Laune herrscht, ist einer der Gründe oft, dass wir uns untätig vorkommen. Seit Monaten nun fahren wir durch teilweise sehr arme und problembehaftete Länder. Wir sehen täglich Dinge, die definitiv nicht so sein sollten wie sie sind, können aber nie etwas dagegen tun. Auf einer Reise wie unserer ist man stets in der Rolle des stillen Beobachters. Man kann mit Leuten reden, Gesellschaften beobachten und sich seine Meinung zu alldem bilden; man kann aber nur selten tatsächlich aktiv werden und etwas bewegen. Gerade nach den doch teilweise schockierenden Erfahrungen, die wir im Iran gemacht hatten, spürten wir dieses Gefühl der Machtlosigkeit in diesen Tagen umso mehr – bis plötzlich dieser kleine Welpe vor uns saß. Was Manchem pathetisch vorkommen mag, stellte für uns eine Möglichkeit dar, hier wenigstens auf kleinster Ebene Courage zu zeigen. Mal davon abgesehen, dass ich es wahrscheinlich selbst ohne diese Vorerfahrungen nicht übers Herz gebracht hätte den Hund einfach dort sitzen zu lassen.

Der LKW-Fahrer, an den wir geraten waren, stellte sich als unglaublich netter Mensch heraus. Während der gesamten Fahrt ließ er sich voller Stolz darüber aus, wie toll doch sein Mercedes-LKW lief. In Chudschand kutschierte er uns bis fast ins Zentrum, obwohl er eigentlich gar nicht dorthin musste und lud uns dann auch noch zu einem überraschend leckeren Mittagessen an der Tankstelle seiner Wahl ein. Die restlichen 3 km bis zum Hostel transportierten wir Ginny, wie wir den kleinen Welpen tauften, auf dem Fahrrad in meinem Backroller. Auch die Mitarbeiter im Hostel waren sehr entgegenkommend und erlaubten uns sofort, Ginny mit in unser Zimmer zu nehmen, solange wir sie nicht im restlichen Teil des Hauses herumlaufen ließen. Da es schon Nachmittag wurde als wir dort ankamen, schmissen wir nur all unser Gepäck in die Ecke und machten uns dann gleich wieder los zum Tierarzt.

Auch der Tierarzt war ein herzensguter Mensch, der uns sofort herzlich willkommen hieß. Nach einem kurzen Blick auf Ginnys Wunde legte er sie sofort in Narkose und holte ihr dann sage und schreibe 21 Maden aus dem Unterleib. Während Ginny langsam wieder aufwachte, lud der Tierarzt uns in seinem Hinterhof zum Essen ein, wo wir auch seine wundervolle Frau sowie seine vier Kinder kennenlernten. Als hätten sie ein paar Hauselfen aus Harry Potter unter ihrem Tisch versteckt, war der Tisch auf einen Schlag mit unzähligen Köstlichkeiten gedeckt: Selbst angebautes Obst und Gemüse, frisches Fladenbrot, Tee und sogar köstliches Schafsfleisch (selbst geschlachtet, versteht sich). Auch wenn wir nicht viel miteinander reden konnten, da selbst die Kinder nur sehr gebrochen Englisch sprechen konnten und unsere Russisch-Kenntnisse sich nach wie vor auf „Hallo“ und „Danke“ beschränkten, so hatten wir dennoch das Gefühl unter Freunden und aufrichtig willkommen zu sein. Noch zweimal mussten wir in den nächsten Tagen mit Ginny zum Tierarzt um ihr Antibiotika-Spritzen verabreichen und ein Gesundheits-Zertifikat ausstellen zu lassen. Danach konnten wir die restliche Behandlung selbst mit einer antibiotischen Salbe weiterführen. Ginnys Wunde verheilte erstaunlich schnell und mit jedem Tag kehrte mehr Energie in den kleinen Welpen zurück. Sascha und ich diskutierten ernsthaft darüber was es für uns und unsere weitere Reise bedeuten würde, wenn wir Ginny behalten würden. Und trotz all des zusätzlichen Aufwandes, Geldes und Reiseeinschränkungen, beschlossen wir am Ende tatsächlich, sie zu behalten.

Zur gleichen Zeit, als wir uns in Chudschand aufhielten, erfuhren wir, dass es südlich von Duschanbe eine terroristische Attacke auf sieben ausländische Fahrradfahrer gegeben hatte. Vier Menschen waren getötet worden, drei verletzt. Die Nachricht von dieser grausamen Tat schockierte uns zutiefst. Als wir hörten, dass zwei der Opfer Schweizer Staatsbürger waren, dachten wir zunächst, dass es sich um die beiden Schweizer handelte, die wir kurz vorher noch im Hostel in Duschanbe getroffen hatten. Die beiden hatten vorgehabt den Pamir-Highway zu fahren, auf dem die Attacke stattfand und zeitlich hätte es ziemlich genau hingehauen. Dadurch, dass wir in Duschanbe kurz noch in Versuchung geraten waren, unsere Route zu ändern und doch mit den anderen zusammen den Pamir zu fahren, waren wir nun noch mehr erschüttert. Später fanden wir heraus, dass die Opfer nicht diejenigen waren, die wir kennengelernt hatten, was die Attacke aber natürlich keineswegs weniger grausam macht.

Ich verstehe bis heute nicht ganz, warum die Terror-Attacke auf dem Pamir mich mehr schockiert hat als beispielsweise die Attacke, die 2016 auf dem Berliner Weihnachtsmarkt passiert ist. Schließlich war ich in beiden Fällen räumlich gesehen etwa gleich weit vom Ort des Geschehens entfernt und hätte in beiden Fällen durch eine Verkettung von Zufällen dort sein können. Und dennoch fühlte sich die Attacke dieses Mal sehr viel persönlicher an und ließ uns beide kurzzeitig an unserer Reise zweifeln. Im Nachhinein betrachtet waren manche unserer Überlegungen irrational und übertrieben, in diesem Moment jedoch erwischte ich mich manchmal selbst dabei die Autos, die an mir vorbeifuhren, besonders genau zu beobachten und bei jeder Straßenüberquerung ein paar Sekunden länger zu warten um sicherzugehen, dass die Autos auch wirklich anhielten. Mit solch einem Gefühl wollten weder Sascha noch ich unsere Reise fortsetzen und so beschlossen wir ein Taxi zu nehmen, das Kapitel Tadschikistan abzuschließen und in Kirgistan neu anzufangen.

So fuhren wir also bis nach Osh in Kirgistan. Die Taxifahrt dorthin war eine Geschichte für sich und definitiv nichts für schwache Nerven. Während wir über eine Schlaglochpiste nach der nächsten bretterten, versuchte ich mich zur Ablenkung auf die Schönheit der Landschaft um uns herum zu konzentrieren. Im Radio spielte dazu „Forever Young“ – wie passend…

Über das gute alte Internet hatten wir in Osh eine Werkstatt ausfindig gemacht, die von zwei Schweizern geführt wurde und die Reisenden gegen eine geringe Gebühr all ihre Werkzeuge und Maschinen zur Verfügung stellte. Dort wollten wir uns einen Trailer für Ginny bauen, den wir ans Fahrrad hängen und sie so transportieren konnten. Um uns auf das Reisen mit Hund vorzubereiten googelten wir noch ein bisschen nach den verschiedenen Einreisebestimmungen und waren wie vor den Kopf gestoßen, als wir auf einmal feststellten, dass wir Ginny gar nicht mit nach Australien und Neuseeland nehmen könnten. Davon abgesehen, dass Hunde in beiden Ländern eine mehrtägige Quarantäne absitzen müssen, müssen sie zudem vor ihrer Einreise mindestens sechs Monate am Stück in ihrem Heimatland verbracht haben – für uns wäre das vollkommen unmöglich! War ich also gerade erst laut Ginnys Gesundheitszertifikat stolze Besitzerin meines ersten eigenen Hundes geworden, so zerplatzte dieser Traum auch schon wieder. Wir überlegten hin und her, wie wir das Ganze doch noch irgendwie hinbekommen könnten, mussten aber irgendwann einsehen, dass keine der möglichen Optionen wirklich tierfreundlich wäre und die einzige machbare Möglichkeit darin bestünde, unsere Reise in Singapur zu beenden und Australien und Neuseeland aus dem Programm zu streichen. Nachdem wir nun aber so lange auf diese Reise hingearbeitet hatten, waren wir am Ende doch zu egoistisch um diesen Schritt zu gehen.

Staz, der Besitzer unseres Hostels in Osh, half uns so gut er konnte und versuchte jemanden vor Ort aufzutreiben, der Ginny vielleicht adoptieren würde. Doch schnell stellte sich heraus, dass wir hier keinen Erfolg haben würden. Die einzige Option war ein privat geführtes Tierheim in Bishkek. Von diesem bekamen wir auf Nachfragen zwar die Information, dass das Shelter jetzt schon vollkommen überlaufen sei und keinen Platz mehr frei habe, aus Mangel an Alternativen beschlossen wir aber trotzdem dort hin zu fahren und unser Glück direkt vor Ort zu versuchen. Die Fahrt nach Bishkek war diesmal sehr viel angenehmer, da ein Verwandter von Staz uns fuhr, der deutlich besonnener war als unser letzter Taxifahrer und zudem für uns regelmäßig Pausen einlegte, damit wir Ginny ein bisschen laufen lassen konnten. Die Landschaft, durch die wir kamen, wurde mit jedem Kilometer atemberaubender. Nachdem wir uns eine Weile durch die Berge geschlängelt hatten, kamen wir auf eine Hochebene, die von zahlreichen Nomadenfamilien mit ihren Tierherden bevölkert wurde. Herden von halbwilden Pferden zogen durch die Hügel, während vielleicht gerade einmal 8-jährige Kinder auf ihren Pferden die Kuhweiden hüteten und die Eltern vor ihren Jurten Essen in riesigen Kesseln kochten. Die ganze Szenerie wirkte auf uns wie eine Märchenlandschaft und auf einmal kam uns die Idee, ob wir Ginny vielleicht bei einer dieser Familien unterbringen könnten. Fast jede der Familien hier schien einen oder mehrere Hunde zu haben, die ihnen halfen die Herden zu hüten und ihre Jurten bewachten. Wäre das nicht ein weitaus schöneres Leben für Ginny, als für mehrere Jahre in einem überfüllten Tierheim auf ein neues Herrchen zu warten und am Ende dann womöglich als Kettenhund oder Schlimmeres zu enden? Wir erzählten unserem Taxifahrer von der Idee. Er sprach zumindest ein bisschen Englisch und erklärte sich bereit uns bei der Suche nach einer passenden Familie zu helfen. Kurze Zeit später hielten wir vor der Jurte einer Nomadenfamilie und wurden gleich herzlich von dem Familienvater und seinen beiden Söhnen empfangen. Der Taxifahrer schilderte ihm unser Anliegen und nach kurzem Überlegen, willigte er ein, Ginny in seine Obhut zu nehmen. Während der Mann, um das „Geschäft“ zu besiegeln, Sascha auf ein Glas gegorene Stutenmilch in seine Jurte einlud, nahm einer seiner Söhne Ginny auf den Arm und trug sie in Richtung der Pferde- und Rinderherde der Familie. Neugierig, was er wohl mit ihr anstellen wollte, folgte ich ihm und wunderte mich ein bisschen, als er auf einmal anfing seltsame Pfeiflaute von sich zu geben. Da hob sich auf einmal, aus einer gut versteckten Höhle, ein kleiner Hundekopf empor und ich sah, dass die Familie bereits einen anderen Welpen, etwa in Ginnys Alter, besaß. Als die zwei sofort anfingen miteinander zu spielen, wuchs meine Zuversicht, einen guten Platz für Ginny gefunden zu haben. Trotzdem fiel mir der Abschied keineswegs leicht und ja, ich gebe es zu, eventuell ist auch die ein oder andere Träne geflossen.

In Bishkek nahmen wir uns mehrere Tage Zeit um die Erlebnisse der vergangenen Tage zu verarbeiten. Zwar waren wir kaum Fahrrad gefahren, trotzdem fühlten wir uns wie nach einem Marathonlauf. Die Unterbrechung durch den Flug von Teheran nach Duschanbe, Ginny, die Terror-Attacke in Tadschikistan und die damit verbundenen erneuten Änderungen unserer Pläne hatten uns doch ganz schön aus der Bahn geworfen. Aber die Chancen stehen gut, dass wir von nun an wieder in unseren alten Rhythmus zurückkehren können und uns einfach nur noch auf eine Sache konzentrieren können: Fahrrad fahren.

 

 

 

Etappe 9: Lankaran – Teheran

Als wir Lankaran auf unseren treuen Drahteseln Richtung Süden verließen, zeigte sich Aserbaidschan nochmals von seiner besten Seite. Das bereits bekannte Hupkonzert begleitete uns weiterhin und ließ uns voller Motivation noch etwas schneller in Richtung iranischer Grenze strampeln. Mit einer bühnenreifen Abschluss-Show der aserbaidschanischen Grenzbeamten, bei der unsere Pässe unter der UV-Lampe
und dem Mikroskop Seite für Seite geprüft wurden, verließen wir dieses ‚wunderbare‘ Land.
Auf der anderen Seite der Grenze angekommen, wurden wir mit einem freundlichen „Welcome to Iran“ empfangen und tauchten direkt in dieses interessante und außergewöhnliche Land ein, dass auf uns seit Beginn unserer Reise eine große Faszination ausgeübt hatte. Doch zunächst einmal mussten wir an etwas Bargeld kommen, was aufgrund der amerikanischen Sanktionen nicht so leicht möglich war. Offiziell war das Wechseln von Geld hier sogar verboten. Doch glücklicherweise hatten wir für die erste Nacht ein Hotel gebucht und der leitende Manager konnte uns schnell Abhilfe leisten, wodurch wir ruck zuck zu Millionären wurden. Der Wert des iranischen Rials hatte sich innerhalb der letzten drei Monaten fast halbiert, weshalb wir uns an unserem ersten Abend mit 40 Millionen Rial in unseren Händen etwas hilflos in unserem Hotelzimmer wiederfanden. Die Auswirkungen, die dieser Währungsverfall auf die iranische Bevölkerung hatte, sollten wir schon bald aus erster Hand erfahren.
Nichtsdestotrotz wurden wir als Westeuropäer ausgesprochen herzlich empfangen. Die ersten Fahrtage waren von freundlichen Grüßen, Daumen hoch und nett gemeinten Motivationshupen geprägt, worüber wir uns sehr freuten. Leider war die Strecke entlang der Küste des Kaspischen Meeres landschaftlich weniger attraktiv und von dicht besiedelten, urbanen Gebieten geprägt, die sich hin und wieder mit Reisfeldern abwechselten. Daher waren ruhige Zeltplätze Mangelware und wir oft
gezwungen, Hotels zu nehmen – unserer Reisekasse gefiel das gar nicht. Selbst mit dem für uns eigentlichen günstigen Währungskurs zahlten wir nicht selten ca. 40 US-Dollar für eine Nacht im Hotel.
Gleich an unserem ersten Fahrtag im Iran wurden wir jedoch während unserer  Mittagspause von einem sehr netten Iraner namens Ezmail eingeladen und durften hier das erste Mal die manchmal schon fast überwältigende Gastfreundschaft der Iraner erfahren. Zusammen mit seiner Frau und seiner 3-jährigen Tochter ging es zunächst an den Strand und anschließend auf eine Rodelbahn, die aus Deutschland importiert worden war. Wahrscheinlich hätte ich mit Vielem gerechnet aber nicht damit, dass wir im Iran auf einer Rodelbahn den Berg hinunter düsen würden. Abgeschlossen wurde der
großartige Tag mit einem gemeinsamen Abendbrot, bei dem wir uns mittels Google Translate über alles Mögliche unterhielten. Eine wunderbare Erfahrung, die uns gleichzeitig aber auch sofort zu Beginn unseres Iran-Aufenthaltes die Probleme vor Augen führte, mit denen die Menschen hier derzeit zu kämpfen hatten. Als Ezmail beispielsweise mit uns zur Rodelbahn fuhr und an der Kasse Tickets für uns kaufen wollte, musste er feststellen, dass er sich diese überhaupt nicht leisten konnte. Die
Preise waren in den letzten Monaten so stark gestiegen, dass sie sein Budget jetzt bei Weitem überstiegen. Wir boten an als Dankeschön für die Gastfreundschaft die Kosten zu übernehmen, was Ezmail jedoch vehement ablehnte. Als wir schon wieder im Auto zurück nach Hause saßen, traf Ezmail durch puren Zufall dann einen alten Freund, der über die richtigen Kontakte verfügte um uns allen eine Freifahrt verschaffen zu können. Als wir später dann wirklich wieder auf dem Weg zu Ezmails Appartement waren, wollte er bei einem Straßenhändler frische Kirschen kaufen. Als jener ihm jedoch den Preis für die Früchte nannte, schüttelte Ezmail nur resigniert den Kopf und gab sich dann doch mit der günstigeren Wassermelone zufrieden. Mit eigenen Augen zu sehen welche
Auswirkungen Trumps Sanktionen auf die Menschen im Iran hatten, machte uns unglaublich wütend und verzweifelt zugleich.
Nach ein paar weiteren Fahrtagen und kurz vor dem Anstieg über das Alam-Kuh Gebirge, was uns bis nach Teheran begleiten sollte, wurden wir nochmals von Sadaf, einer Englischlehrerin für Vorschulkinder, eingeladen. Auch hier offenbarte sich eine weitere unbekannte Seite des Irans für uns, nämlich die Tatsache, dass der Großteil der Iraner der konservativen Regierung mit seinen religiösen Restriktionen vollkommen abgeneigt ist – so auch Sadaf. Sobald wir Ihre Wohnung betraten zog sie sich das Kopftuch ab und schlüpfte in T-Shirt und Jogginghose, was außerhalb der eigenen vier Wände völlig unmöglich wäre, denn eine eigens dafür eingerichtete Kulturpolizei kontrolliert die Einhaltung der Kleidungsvorschriften strengstens. Bei einem gemeinsamen Abendbrot erzählte sie uns dann von ihrem Englischprogramm und dass immer mehr Eltern mit ihren Kindern auf sie zukommen, sodass es ihr kaum möglich ist die Nachfrage zu stillen. Auch hier zeigte sich, wohin sich der Iran eigentlich entwickeln möchte, was wiederum im Kontrast zur tatsächlichen Politik steht.
Die Überquerung des Alam-Kuh Gebirges war landschaftlich wunderschön. Höher und höher schlängelte sich die Strasse und die aufziehenden Nebelschwaden verdeckten die Sonne, wodurch sich auch die Temperaturen sehr angenehm gestalteten. Weniger angenehm war jedoch der Verkehr, denn die Iraner hatten ein verlängertes Wochenende und so schob sich Auto an Auto an uns vorbei, wobei gefühlt jeder Zweite entweder ein Selfie mit uns machen wollte oder etwas Unverständliches aus seiner Blechkiste schrie, alles stets untermalt mit lautem Hupen. Umso glücklicher waren wir dann, einen abgelegenen Zeltplatz zu finden und einfach die Ruhe genießen zu können. Bis auf insgesamt 3400m ging es die nächsten Tage hinauf. Umso mehr genossen wir die wohlverdiente Abfahrt nach Teheran, dessen Metropolregion ca. 15 Millionen Menschen beherbergt. Hierbei lernten wir Mahmoud und seine Freundin Mahshid kennen, bei denen wir später ein paar Nächte übernachten, die großartige iranische Küche genießen und sogar unsere Fahrräder stehen lassen durften, während wir in Isfahan waren. In Isfahan besuchten wir Masoud, den wir über 3 Ecken kennen gelernt hatten. Masoud war momentan dabei nach Deutschland auszuwandern und es war wirklich nochmals ein Geschenk diese geschichtsträchtige Stadt mit ihm und seiner netten Familie erleben zu können. Wir drücken ihm alle Daumen, dass sich sein Traum so bald wie möglich erfüllt!
Nach diesen ereignisreichen Tagen fuhren wir dann zurück nach Teheran und mit unseren Bikes im Gepäck zum Flughafen. Unser ursprünglicher Plan über Usbekistan zu fahren hatte sich aufgrund der unwahrscheinlichen Visavergabe für Turkmenistan verändert und so beschlossen wir, den Flieger nach Duschanbe (Tadschikistan) zu nehmen. Die Beantragungsdauer für das Turkmenistan-Visum liegt nämlich bei mindestens zwei Wochen (laut Berichten anderer Reisender manchmal sogar bei zwei Monaten!) und selbst dann ist es ungewiss, ob man es überhaupt bekommt. Gleichzeitig lief unser Iran-Visum allmählich aus und hätte es uns unmöglich gemacht, die restlichen Kilometer durch die iranische Wüste rechtzeitig zu schaffen. Wir hoffen, dass die Unterbrechung durch den Flug nicht zu groß ist, freuen uns aber vor allem auf die imposanten Berglandschaften und hoffentlich etwas milderen Temperaturen, die nun vor uns liegen. Mal sehen, ob wir uns noch immer freuen wenn wir schwitzend die Berge hochstrampeln. 🙂

 

 

Etappe 8: Tiflis – Lankaran

Während unseres Aufenthalts in Tiflis wurden wir sehr positiv von dieser schönen Stadt überrascht. Sie überzeugte uns mit einer tollen Mischung aus teilweise ultra-modernen Gebäuden, gepaart mit einer wunderschönen Altstadt, deren Häuser liebevoll renoviert wurden. Am äußersten Stadtrand sah man ein paar Plattenbauten, ansonsten erinnerte nichts an die sowjetische Historie der Stadt. An touristischen Highlights hatte Tiflis außer einer alten Burgruine und ein paar Kirchen nicht allzu viel zu bieten, doch der eigentliche Charme lag auch eher darin, sich in eine der vielen Bars in den Fußgängerzonen zu setzen, einen Cappuccino zu schlürfen und die Leute hier zu beobachten oder durch die Wohnviertel zu schlendern und die architektonische Vielfalt der Häuser zu bewundern.

Für die Strecke nach Aserbaidschan entschieden wir uns mal wieder dafür, lieber einen kleinen Umweg inklusive einiger zusätzlicher Höhenmeter in Kauf zu nehmen, anstatt auf direktem Weg zu Grenze zu fahren – und es lohnte sich! Nach einer etwas nervigen Fahrt im morgendlichen Berufsverkehr aus Tiflis hinaus, gelangten wir so bald wieder ins ruhigere Hinterland und machten uns an den Anstieg hinauf zum Gombori-Pass auf 1620m Höhe. Größtenteils war die Steigung sehr human und ließ sich auch trotz der zunehmenden Temperaturen gut bewältigen, nur ab und zu brachten uns ein paar kurze, sehr steile Passagen dann doch etwas mehr ins Schwitzen. Nach einer ebensolchen Passage hielten wir am Straßenrand an, um uns nach einem geeigneten Platz für ein Mittagspause umzusehen, als ein Imker, der dort seinen frischen Honig verkaufte, uns zu sich winkte. Wie selbstverständlich holte er sofort zwei Stühle aus seinem Wohnwagen, tischte eine Schüssel mit Honig auf und servierte dazu ein frisches Fladenbrot. Zunächst wechselten wir ein paar Worte mit ihm, bevor er sich dann zu seinen Bienen verzog und uns damit ein bisschen Zeit gab, in Ruhe durchzuschnaufen. Auch als er wieder zurückkam, genossen wir einfach nur gemeinsam die schöne Aussicht und das leckere Essen, ohne dass irgendjemand sich gezwungen fühlte unbedingt Smalltalk führen zu müssen. Wir waren ihm sehr dankbar für diese liebe Geste und wussten uns als Dankeschön nicht besser zu helfen, als ihm einen ganzen 500-Gramm-Eimer seines Honigs abzukaufen – vielleicht nicht gerade die klügste Idee, wenn man noch 600 Höhenmeter vor sich hat, aber unser Nutella-Vorrat ging eh zur Neige, also war somit auch gleich das Frühstück am nächsten Morgen gesichert.

Zwei Nächte verbrachten wir nach Tiflis noch in Georgien, bevor wir dieses wunderschöne Land schweren Herzens Richtung Aserbaidschan verließen – es wird definitiv nicht das Letzte Mal gewesen sein, dass wir in Georgien waren! Die Einreise nach Aserbaidschan verlief problemlos. Wir hatten unser Visum zuvor schon online beantragt und auch erhalten, sodass wir jetzt am Zoll nur noch unsere Pässe vorzeigen und den Zollbeamten einen Blick in unsere Taschen gewähren mussten. Die ersten Kilometer in diesem neuen Land überraschten uns doch ziemlich: Die Straßen sahen aus wie geleckt, nicht ein Schlagloch oder auch nur eine Unebenheit minderten das Fahrvergnügen. Die Häuser, an denen wir vorbeikamen, wirkten fast schon übertrieben pompös und waren alle sehr gepflegt und ordentlich. In der ersten Stadt hielten wir kurz an einem Bankautomaten, um Geld abzuheben und waren innerhalb von Sekunden von einer ganzen Traube bierbäuchiger Männern umringt. Sie fragten die üblichen Fragen, „woher kommt ihr?“, „wohin fahrt ihr?“ usw. und waren vor allem an unserem Equipment äußerst interessiert. Zu dem Zeitpunkt freuten wir uns noch über so viel Interesse und waren äußerst optimistisch, was unseren weiteren Aufenthalt in Aserbaidschan betraf.

Die Temperaturen kletterten inzwischen zur Mittagszeit auf knapp 40°C und so suchten wir uns um 12 Uhr ein schattiges Plätzchen für eine Mittagspause. Während dieser Pause wurden wir von einem jungen Mann zum Tee eingeladen und nahmen das Angebot auch dankend an. Er erzählte, dass er in seiner Freizeit oft mit seinem Pferd Ausritte in das Kaukasus-Gebirge unternähme und zeigte uns ein paar Fotos davon auf seinem Handy. Kaum hatten wir uns nach der Tee-Runde wieder auf unserer Picknickdecke ausgestreckt, vernahmen wir auf einmal lautes Hufeklappern auf der Straße und plötzlich stand der junge Mann mitsamt Pferd vor uns. Er schien es sehr zu genießen, im Rampenlicht zu stehen und zeigte uns ein paar Kunststücke auf seinem Pferd, die meistens darin bestanden, dass er so lange grob am Zügel zerrte, bis das Pferd sich auf seine beiden Hinterbeine stellte und stieg. Auch wenn wir nicht viel von dem brutalen Umgang mit dem Tier hielten, taten wir brav so, als hätte ich noch nie etwas Beeindruckenderes gesehen. Als die Temperaturen gegen 16:30 Uhr wieder auf ein annehmbares Maß gesunken waren (ca. 30°C), stiegen wir wieder auf unsere Räder um noch ein paar Kilometer zurückzulegen und dann einen geschützten Zeltplatz zu suchen. Wir fanden einen sauberen Fluss, der an einen kleinen Wald grenzte und freuten uns schon, dass wir den perfekten Zeltplatz gefunden hatten. Da fuhr auf einmal ein alter LADA vor und heraus taumelten vier betrunkene Männer, die sich jetzt offensichtlich hier am Fluss einen schönen Abend machen wollten. Sie boten uns gleich auch ein Bier an und kicherten dabei wie kleine Schulmädchen, wodurch für uns schnell der Entschluss feststand, doch wieder unsere Sachen zusammenzupacken und noch weiter zu fahren. Glücklicherweise fanden wir nur ca. einen Kilometer später einen geeigneten Platz, der komplett sichtgeschützt und sicher war.

Die ersten paar Tage fuhren wir noch immer parallel zum Kaukasus und hatten somit schöne Landschaften zu bewundern, wenn diese auch nicht ganz so beeindruckend waren wie noch in Georgien. Schon bald wichen die anfangs so pompösen Gebäude kleineren, schlichteren Häusern und auch die Straßen sahen nicht mehr überall so aus, als könnte man von ihnen essen. Die meisten Autos, die uns begegneten waren alte LADA, nur die Polizei fuhr fast ausnahmslos in den neuesten BMW-Modellen herum. Generell schien hier viel Geld auf staatliche Organe und Einrichtungen verwendet zu werden. Inmitten von ziemlich schäbigen Ortschaften konnten manchmal riesige, piekfeine Gebäude emporragen, die zum Beispiel Migrationsbehörden oder Polizeischulen beherbergten.

Die Männer in Aserbaidschan begegneten uns grundsätzlich freundlich und schenkten uns sogar öfter mal etwas zu Trinken oder zu Essen. Hatten wir anfangs noch oft auch sehr modern gekleidete Frauen in kurzen Kleidern und luftigen Röcken gesehen, so sahen wir sie bald meist nur noch in Arbeiterkleidung vermummt beim Straßenfegen, ansonsten schienen sie leider fast komplett vom gesellschaftlichen Leben draußen auf der Straße abgeschieden zu sein. Eine andere Sache, die uns etwas irritierte war der zunehmend übertriebene Gebrauch der Autohupen, sobald ein Auto an uns vorbeifuhr. Wir waren eine gewisse Geräuschkulisse schon seit Europa gewohnt und fanden es grundsätzlich ja nett, dass die Menschen uns grüßen und anfeuern wollten. In Aserbaidschan jedoch erreichte dieses Phänomen ganz neue Ausmaße. Die Autofahrer begnügten sich nicht damit, einmal kurz zu hupen und dann einfach an uns vorbeizufahren. Nein, sie fingen teilweise schon in 200m Entfernung an auf die Hupe zu drücken und hielten sie dann so lange gedrückt, bis sie an uns vorbei waren. Manche wiederum blieben absichtlich lange hinter uns, sodass wir sie erst sehr spät bemerkten, schossen dann plötzlich an uns vorbei und drückten gleichzeitig auf die Hupe, sodass wir uns jedes Mal erschraken und teilweise im Straßengraben landeten. Viele Aserbaidschaner riefen uns zusätzlich noch Dinge zu, die immer abstruser wurden, je weiter wir ins Landesinnere vordrangen. Von „Ni Hao“ bis hin zu dumpfem Gejohle gefolgt von hysterischem Gelächter war alles dabei. Vielleicht haben wir ja auf dieser Reise jegliches Gefühl für die Zeit verloren und sind nun schon so lange unterwegs, dass der durchschnittliche Chinese inzwischen blond und blauäugig ist, aber das wage ich dann doch zu bezweifeln. Anders kann ich mir jedoch nicht erklären warum die Menschen regelmäßig meinten uns auf chinesisch begrüßen zu müssen.

Sobald wir vor Supermärkten hielten um neuen Proviant zu kaufen, bildete sich in der Regel wie schon in der ersten Stadt innerhalb kurzer Zeit eine Menschentraube um uns und betrachtete unsere Fahrräder. Auch hier wieder: Generell ist das überhaupt kein Problem und wir freuen uns über jeden, der uns ehrliches Interesse entgegenbringt. Doch genau hier lag vielleicht auch das Problem. Die Menschen (bzw. Männer, denn Frauen waren nie dabei) schienen zunehmend mehr an unserem Equipment als an uns interessiert zu sein. Ständig wurden wir gefragt, wie viel unsere Fahrräder oder unser Zelt gekostet hatte, was wir bisher in noch keinem anderen Land gefragt wurden. Teilweise nahmen die Männer unsere Sachen ungefragt einfach in die Hand und spielten an ihnen herum ohne uns auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Von ehrlichem Interesse für uns und unsere Reise konnte da wohl kaum noch die Rede sein.

Nachdem wir vom Kaukasus weg Richtung Süden abgebogen waren, wurde es zusehends schwieriger geeignete Wildcampingplätze zu finden, da die Landschaft hier einer Steppe glich und kaum Gelegenheiten bot um unser Zelt aufstellen zu können. Also fragten wir immer wieder bei Restaurants mit angeschlossenem Picknick-Areal, ob wir bei ihnen campen dürften. Bei dem ersten Restaurant verlangte der Besitzer eine horrenden Preis von 50 Manat, was etwa 25 Euro entspricht, nur damit wir unser Zelt bei ihm aufstellen durften. Vor der Benutzung des Klos oder gar einer Dusche war überhaupt nicht die Rede. Also zogen wir weiter zum nächsten Restaurant und konnten den Mann dort wenigstens auf 15 Manat für eine Nacht herunterhandeln. Wobei das Wort „Mann“ hier vielleicht etwas fehl am Platz ist: Das Restaurant wurde scheinbar von einer Gruppe pubertärer Jugendlicher geleitet, die in lautes Kichern ausbrachen, sobald sie uns sahen oder wir versuchten mit ihnen zu sprechen. Zwischenzeitlich kam mal ein erwachsener Mann vorbei um nach dem Rechten zu sehen, der verzog sich aber nach ein paar Minuten wieder. Sobald wir unser Zelt aufgestellt hatten störten wir uns nicht weiter an den Jugendlichen sondern genossen die Kühle des Schattens und streichelten den Hund, der wohl zum Restaurant dazugehörte und dem man schändlicherweise die Ohren abgeschnitten hatte. Ja, mit Tieren und Mitgefühl für andere Lebewesen hat man es hier wohl nicht so…

Nachdem am Abend die letzten Restaurant-Gäste gegangen waren und wir uns in unser Zelt verkrochen hatten, drehten die Jugendlichen dann aber auf einmal ihre Musikboxen auf und fingen an eine Flasche Alkohol nach der nächsten zu leeren. Da wir nur zu zweit und die einzigen Gäste auf dem Areal waren, trauten wir uns nicht, zu den Jungs hinzugehen und sie zu bitten leiser zu sein, aus Angst, dass sie dann erst recht auf falsche Gedanken kommen könnten. Manchem mag das übertrieben ängstlich vorkommen, doch wir hätten wirklich nicht viel ausrichten können, wenn die sechs oder sieben Jungs auf einmal beschlossen hätten, dass sie zum Beispiel unsere Räder haben oder unsere Taschen mal etwas genauer inspizieren wollten. So verhielten wir uns lieber unauffällig und waren dankbar, dass der große Hund, mit dem wir uns am Nachmittag angefreundet hatten, beschützend vor unserem Zelt lag und jeden anknurrte, der auch nur in 50m Entfernung vorbei lief. Im Endeffekt machten die Jungs auch keinerlei Anstalten uns irgendwie zu belästigen, aber als der Wecker am nächsten Morgen um 4:30 Uhr klingelte und wir uns nach nur vier Stunden Schlaf müde wieder auf die Räder schwangen um eine 80km-Etappe in Angriff zu nehmen, verwünschten wir sie doch ein bisschen.

Aus Mangel an Alternativen versuchten wir an diesem Tag unser Glück gleich wieder bei solch einem Restaurant und dachten ganz optimistisch: „Wer hat denn schon zweimal hintereinander Pech mit seinen Zeltplätzen? Niemand!“. Tja, wir wurden eines Besseren belehrt. Der Leiter des Restaurants war tatsächlich sehr nett. Rouyen war 26 Jahre alt, streng gläubiger Muslim und wirklich unwahrscheinlich gastfreundschaftlich. Er versorgte uns den ganzen Nachmittag über mit Tee, Ayran und frischen Kirschen und redete stundenlang auf uns ein, ohne dass wir auch nur ein Wort verstanden. Wir hatten eigentlich gehofft nach der kurzen Nacht etwas Schlaf nachholen zu können, wollten Rouyen gegenüber aber natürlich nicht unhöflich sein und versuchten dementsprechend zwanghaft eine Konversation aufrecht zu erhalten. Während wir uns mit Hilfe von Pantomime und Malereien zum Affen machten und so versuchten mit Rouyen zu kommunizieren, schien er nicht wirklich zu verstehen, dass wir tatsächlich weder Aserbaidschnisch noch Russisch sprechen konnten. Wenn wir ihm bedeuteten, dass wir nicht verstehen konnten was er sagte, wiederholte er einfach das selbe Wort immer und immer wieder, offenbar in dem Glauben, wenn er es nur oft genug sagte, würden wir es schon irgendwann verstehen. Wir versuchten ihn dazu zu bringen, wenigstens etwas aufzumalen, um es uns verständlicher zu machen, doch statt Dinge zu malen, schrieb er einfach nur dasselbe Wort auf Aserbaidschanisch nieder und ging dann davon aus, dass wir dadurch auf einmal verstehen würden, was er meinte. Nachdem das über mehrere Stunden so ging wurden wir irgendwann immer frustrierter und nahmen es auf einmal als Last wahr, Gast zu sein.

Rouyen war jedoch nicht das eigentliche Problem, da er immerhin gute Intentionen hatte und ein wirklich liebenswerter Mensch war, der es nur einfach ein bisschen zu gut meinte. Viel mehr störte uns sein Angestellter, der auf uns wirkte als hätte er entweder schon ein paar Bier oder sonstige Drogen zu viel intus oder als wäre er tatsächlich geistig behindert. Anfangs war er noch einigermaßen zurückhaltend, fragte uns aber schon da gierig darüber aus wie viel unser Zelt, unsere Fahrräder und alles andere gekostet hatte. Wir nannten ihm natürlich nie den tatsächlichen Preis sondern immer nur ein Zehntel davon. Später, als wir mit Rouyen am Tisch saßen und Tee tranken, schlich sein Angestellter ständig um uns herum und machte heimlich Fotos von uns mit seinem Handy. Wir bekamen das sofort mit und forderten ihn auf die Fotos zu löschen und das Fotografieren bleiben zu lassen, doch er probierte es immer wieder und jedes Mal hatten wir anschließend wieder die gleiche Diskussion. Ab und zu kam er zu Sascha, rieb seinen Daumen und Zeigefinger aneinander (wohl als Zeichen für Geld) und lachte dann hysterisch los. Irgendwann wurde uns das alles zu bunt und wir fingen wieder an unsere Sachen zusammenzupacken um uns doch irgendwo anders einen Zeltplatz zu suchen. Als Rouyen das jedoch mitbekam, griff er endlich ein und schickte seinen sonderbaren Angestellten nach Hause. Nachdem dieser kurze Zeit später auch tatsächlich im Taxi davongebraust war, konnten wir endlich entspannen. Zumindest so lange bis Rouyen wieder mit dem nächsten Tee ankam und wieder unser erfolgloses Gespräch aufnahm. Bis 22 Uhr saßen wir noch mit ihm zusammen und führten unser anstrengendes Pantomime-Spiel fort, bis wir ihn dann endlich davon überzeugen konnten, dass wir jetzt wirklich schlafen gehen müssten. Müde fielen wir in unser Zelt und schliefen sofort ein, bis auf einmal um 00:30 Uhr in der Nacht Saschas Handy klingelte: es war Rouyen. Wir wissen bis heute nicht, was er uns am Telefon noch gesagt hatte, denn überraschenderweise konnten wir selbst nach einem Tag Pantomime immer noch kein Aserbaidschanisch – welch Überraschung!

Auch wenn wir mit aller Kraft versuchten immer wieder auch die positiven Dinge an Aserbaidschan zu sehen, fiel und das offengestanden mit jedem Tag etwas schwieriger und so waren wir sehr froh, nach zum Glück nur einer Woche in diesem Land in Lankaran anzukommen, wo wir uns ein Hotel nahmen und Zeit hatten das Geschehene endlich in Ruhe zu verarbeiten. Es wäre nicht fair pauschal zu sagen, dass unser Aufenthalt in Aserbaidschan schlecht war. Wir trafen durchaus vor allem in den ersten paar Tagen auf viele freundliche Menschen, die uns Tee anboten, manchmal sogar einen Schlafplatz oder die einfach nur ehrlich interessiert nachfragten, was wir hier machten. Aber dann gab es eben auch die dickbäuchigen Männer mit ihren Goldzähnen, die schon um 6:30 Uhr morgens vor den Supermärkten standen und uns schon leicht angetrunken Sachen zugröhlten; das penetrante Hupen der Autos; Menschen, die aus dem Auto heraus Fotos und Videos von uns machten ohne uns um Erlaubnis zu fragen und uns das Gefühl gaben, Zootiere zu sein; das ständige Gefühl, dass wir ein extra waches Auge auf unsere Fahrräder haben müssten, wenn wir in eine größere Ortschaft kamen; und viele Kleinigkeiten mehr.

Natürlich bin ich keine Aserbaidschan-Expertin nur weil ich jetzt eine Woche lang mit dem Fahrrad durch das Land gefahren bin. Aber mein Eindruck war, dass hier zwei Welten aufeinanderprallen, die sich einfach nicht gut miteinander vereinbaren lassen: Einmal der starke russische Einfluss, der den Fokus auf Statussymbole und Geld lenkt, dem Alkohol nicht ganz abgeneigt ist und das Interesse an anderen Menschen nur dann akzeptabel macht, wenn man dadurch einen Vorteil für sich selber gewinnt. Auf der anderen Seite dann aber auch wieder der muslimische Einfluss, der durch seine Gastfreundschaft und Offenheit glänzt. Wir kamen mehrmals in die Situation, dass wir schon komplett von diesem Land genervt waren und damit schon mehr oder weniger abgeschlossen hatten, bis dann auf einmal doch wieder ein netter Supermarkt-Besitzer uns ein Eis schenkte oder jemand uns aufmunternde, liebe Worte zurief, ganz so als wolle Aserbaidschan uns sagen: „Ne Leute, von euch lasse ich mich nicht in eine Schublade stecken.“ Und genau mit diesem Hintergedanken muss man diesem vielschichtigen Land vielleicht auch entgegentreten.

 

 

 

 

 

Etappe 7: Gerze – Tiflis

Nach den anstrengenden Tagen, in denen wir uns durch das türkische Hinterland und die Berge vor Gerze gekämpft hatten, waren wir anfangs ganz froh über die nun flachen Straßen ohne jegliche Steigungen. Schon bald mussten wir uns jedoch eingestehen, dass manchmal ein bisschen mehr Schweiß es wert ist, wenn man dafür tolle Landschaften und die Ruhe der Natur hat, anstatt Stunde um Stunde auf einem Seitenstreifen neben LKW’s herzufahren. Wir ahnten schon, dass die nächsten Tage bis zur georgischen Grenze wohl so eintönig bleiben würden und traten daher besonders kräftig in die Pedale, um das Ganze wenigstens nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Immerhin trafen wir unterwegs auf etliche Leute, die die uns unser Leben immer wieder versüßten.

Kurz vor Samsun fragten wir uns gerade bei verschiedenen Leuten durch, wo denn der nächste Campingplatz sei, als wir von einem Ehepaar eingeladen wurden doch einfach unser Zelt bei ihnen im Garten aufzustellen. Als sie uns kurz darauf Kekse und Tee anboten, waren  wir zuerst etwas verblüfft, da ja nach wie vor Ramadan in der Türkei war. Auf unsere Nachfrage hin winkten unsere Gastgeber jedoch ab und meinten, dass sie Atheisten seien. Also genossen wir alle zusammen bei freiem Blick auf’s Meer eine Tasse Tee und unterhielten uns währenddessen mit Hilfe unseres treuen Dolmetschers google translate.

Nach einer kleinen Führung durch die Nachbarschaft, bereitete Tülay uns ein fantastisches Abendessen mit dem zartesten Fleisch und dem leckersten Pide, das wir je gegessen hatten. Zum Essen kamen auch noch Özlem und ihr Ehemann dazu, die gleich im Haus nebenan wohnten. Özlem ist praktischerweise Englischlehrerin und konnte so für den Rest des Abends den Dolmetscher-Job übernehmen. Kaum stand das Essen auf dem Tisch, wurde auch gleich der Vodka rausgeholt und so wurde die Stimmung schnell feucht-fröhlich. Wir lachten so viel und fühlten uns so geborgen, dass wir selber bald kaum glauben konnten, dass wir diese tollen Menschen vor gerade einmal ein paar Stunden kennengelernt hatten.

Auch am nächsten Morgen hörte die Gastfreundschaft nicht auf. Um 9 Uhr morgens kredenzte Tülay uns ein wunderbares Frühstück mit selbstgemachter Marmelade, gekochten Eiern und noch Vielem mehr, was bei uns schon richtige Heimatgefühle aufkommen ließ. Umso schwerer fiel uns der Abschied von den beiden, als wir uns dann doch irgendwann vom Tisch losreißen und wieder auf unsere Fahrräder steigen mussten.

In Samsun angekommen zogen wir los in ein Einkaufszentrum um dort noch ein paar Besorgungen zu machen. Was in Leipzig stets eher einen Nachmittag voller Stress, umringt von genervten Leuten, bedeutet hatte, konnten wir jetzt auf einmal in vollen Zügen genießen. Noch nie hatten wir eine Shopping Mall, in der alle Läden auf einem Haufen sind und man nicht stundenlang durch eine fremde Stadt irren muss um eine Kleinigkeit zu kaufen, als so praktisch empfunden. Zur Mittagszeit stellten wir verblüfft fest, dass es wohl noch viel mehr Türken gibt, die nicht allzu großen Wert auf den Ramadan legen: Sämtliche Restaurants waren mindestens zur Hälfte gefüllt mit Leuten, die Burger in sich hineinschaufelten oder sich eine Pizza gönnten. Hoch erfreut das zu sehen, gesellten wir uns natürlich gleich dazu und gönnten uns ebenfalls einen Snack.

Von Samsun aus ging es dann weiter Richtung Osten. Nach wie vor stets auf der lauten, langweiligen und trotzdem stressigen Bundesstraße. Nach unserem unfreiwilligen, einwöchigen Aufenthalt in Trabzon, kam das Ende dann aber endlich irgendwann in Sicht. An unserem letzten Tag in der Türkei trafen wir durch Zufall noch auf Marcel und Kristina aus Deutschland, die momentan ebenfalls auf dem Weg nach Singapur sind. Wir freuten uns schon, endlich mal wieder jemanden gefunden zu haben, mit dem wir für ein paar Tage zusammen fahren können, doch leider hingen die beiden gerade in Hopa fest und warteten dort (schon seit 10 Tagen!) auf ein wichtiges Paket aus Deutschland. Ein paar Kilometer später ging es dann endlich über die Grenze nach Georgien. Auch wenn wir die Türkei in den vergangenen Wochen sehr lieb gewonnen hatten, waren wir doch froh, endlich wieder ein neues Land betreten zu können und wieder neuen Wind in unser kleines Abenteuer zu bringen.

Schon innerhalb der ersten paar Kilometer auf georgischen Straßen merkten wir, dass der Verkehr hier nicht ganz so fahrradfreundlich ist wie in der Türkei. Augenscheinlich gibt es hier eine unsichtbare dritte Fahrspur, die sich genau auf dem Mittelstreifen befindet und die von beiden Seiten zu jeder Zeit zum Überholen genutzt werden kann. So konnte es also passieren, dass uns auf einmal zwei Autos nebeneinander entgegen kamen, während uns ein drittes von hinten überholte – und das alles, während wir versuchten den unzähligen Kühen auszuweichen, die mitten auf der Fahrbahn standen. Doch glücklicherweise konnten wir diesem Getümmel schon bald entkommen und fanden kurze Zeit später einen tollen Platz für unser Zelt (liebevoll Pierre genannt). Seit fast zwei Wochen hatten wir nicht mehr in unseren eigenen vier „Wänden“ geschlafen und es fühlte sich unglaublich gut an, endlich wieder die alte, abendliche Routine aufzunehmen und zu den Geräuschen der Natur um uns herum einzuschlafen.

Die nächsten zwei Tage standen ganz im Zeichen von Bergen und einer traumhaften Landschaft, in Kombination mit einer ganzen Menge Schweiß. Immer an einem Fluss entlang arbeiteten wir uns Stück für Stück zum Goderdzi-Pass auf 2025m hoch. Größtenteils zum Glück auf sehr schön geteerten, wenig befahrenen Straßen. Manche Menschen, an denen wir vorbeikamen, waren nicht ganz so offen und enthusiastisch wie die Türken, doch sobald wir sie mit einem freundlichen „Garmadschoba“ grüßten, tauten sie sofort auf und waren dann sehr herzlich. Viele Georgier feuerten uns aber auch von sich aus an und scheuten dabei vor allem nicht davor zurück, ausgiebig Gebrauch von ihrer Autohupe zu machen. Ab Khulo wich der Teer einer anspruchsvollen Schotterpiste, die uns vor allem auf den letzten 10km so einiges abverlangte. Umso besser schmeckte dafür dann das Essen, das wir uns nach acht Stunden harter Arbeit im Restaurant „Edelweiss“ gönnten. Es gab eine Art Gemisch aus Ei und Käse, zusammen mit frisch gebackenem Fladenbrot. Klingt auf den ersten Blick vielleicht nicht wirklich überzeugend, schmeckt aber tatsächlich unwahrscheinlich gut!

Bergab ging es nicht wirklich schneller als bergauf, da uns die groben Schottersteine konsequent auf etwa 8km/h beschränkten. Doch irgendwann standen wir dann tatsächlich wieder auf richtigem Teer und von da an ging es dann auch deutlich zügiger voran. Nach wie vor durch wunderschöne Landschaften, die uns teilweise sogar grandiose Ausblicke auf die schneebedeckten Gipfel des Kaukasus-Gebirges ermöglichten. Selbst die Fahrt nach Tiflis hinein verlief über Seitenstraßen erstaunlich stressfrei. Da wohl gerade Fahrrad-Hochsaison in Tiflis ist, schafften wir es leider nicht einen Platz bei einem Warmshowers-Host zu ergattern. Dafür fanden wir jedoch ein sehr schönes und günstiges AirBnB mitten im Zentrum, zu einem erschwinglichen Preis.

 

Etappe 6: Istanbul – Gerze

Nach einer sehr erholsamen Woche in Istanbul ging es auf zu Etappe 2 unserer großen Reise! Am Morgen der Abfahrt waren wir fast genau so aufgeregt wie bei unserer Abfahrt in Leipzig vor über zwei Monaten. Die vor uns liegende Etappe war definitiv diejenige, vor der wir am meisten Respekt hatten und bei der wir nicht so recht wussten, was wir davon zu erwarten hatten. Ein Warmshowers-Host hatte uns empfohlen die Fähre nach Yalova zu nehmen anstatt uns durch den Autoverkehr aus Istanbul herauszukämpfen – und so machten wir es auch. Thomas hatte sich für dieselbe Variante entschieden und so setzten wir zu dritt mit zittrigen Knien zum neuen Kontinent über. Im Nachhinein weiß ich nicht, was wir uns vorgestellt hatten, aber wir waren doch etwas überrascht, dass wir auf der asiatischen Seite überhaupt keinen Unterschied zum europäischen Teil feststellen konnten; die Landschaft, die Häuser, die Straßen – alles war genau so wie bisher, was uns gleich ein willkommenes Gefühl der Sicherheit verschaffte. Aus Yalova heraus ging es relativ zügig und schon am nächsten Tag tauchten wir in das ungemein schöne, aber auch sehr hügelige, Hinterland der Türkei ein. Nach einer Woche im hektischen uns chaotischen Istanbul war es eine reine Wohltat, endlich wieder Natur und frische Bergluft zu schnuppern! Auch mit unseren Campingplätzen hatten wir unwahrscheinliches Glück: Die erste Nacht durften wir auf einer Art Picknickplatz campen, der wohl ab und an auch für Hochzeiten und andere Events genutzt wird. Die zweite Nacht verbrachten wir im Garten eines kleinen Restaurants mitten in den Bergen. Dort probierten wir den Fisch, den uns ein LKW-Fahrer kurze Zeit zuvor empfohlen hatte und wurden nicht enttäuscht! Kaum hatten wir die Bestellung aufgegeben, lief der Koch zum hauseigenen Fischteich und fing den Fisch direkt bevor er ihn zubereitete. Frischer geht es nicht – und das schmeckte man auch! Nach 2,5 Tagen trennten sich unsere Wege von Thomas. Während Thomas weiter Richtung Ankara fuhr, bogen Sascha und ich Richtung Mudurnu ab. Ursprünglich hatten wir in Erwägung gezogen einfach auf direktem Weg immer auf der Bundesstraße D100 entlang auf kürzestem Weg Richtung Samsun zu fahren. Nachdem die ersten drei Tage durch die Berge jedoch so überwältigend schön gewesen waren, entschlossen wir uns auch für die restliche Strecke lieber ein paar Kilometer und Höhenmeter mehr in Kauf zu nehmen und stattdessen die volle Schönheit der Türkei in ganzen Zügen auszukosten – wir sollten nicht enttäuscht werden. Am 16.05. fing zudem der Ramadan in der Türkei an. Wir waren zunächst etwas unsicher, was das für uns bedeuten würde, fragten uns aber bei verschiedenen Menschen mit Händen und Füßen durch, und wurden bald beruhigt. Die Wichtigste Information war zunächst einmal die, dass Supermärkte und Tankstellen auch während des Ramadan ganz normal geöffnet haben. Außerdem versicherten uns ein paar Bauarbeiter, die wir an einem Brunnen trafen, dass auch Trinken vollkommen in Ordnung sei. Nur Essen dürfe man nicht. Bei Tagesetappen von teilweise über 100km kam es für  uns natürlich nicht in Frage, den ganzen Tag nichts zu essen. Jedoch suchten wir uns ab jetzt einfach immer ein sichtgeschütztes Plätzchen für unsere Snack- und Mittagspausen, sodass sich niemand auf den Schlips getreten fühlte.

An einem Wildcampingplatz kurz hinter Mengen fanden wir einen kleinen Fluss, in dem wir uns waschen konnten. Vermutlich passierte es dort, dass ich mir einen Keim einfing, der mich einen Tag später komplett außer Gefecht setzen sollte. Am Morgen spürte ich noch nur ein leichtes Kratzen im Hals und war etwas schlapper als sonst. In der darauffolgenden Nacht jedoch stellte sich mit aller Deutlichkeit heraus, dass das ein ausgewachsener Magen-Darm-Infekt war, mit Allem was dazu gehörte. Passenderweise geschah das alles auch noch an Saschas und meinem 4-jährigen Jahrestag (was das über unsere Beziehung aussagt bleibt offen für Interpretation). Glücklicherweise hatten wir genug Wasser und Essen dabei, dass wir einen kompletten Tag auf unserem Waldcampingplatz irgendwo im Nirgendwo bleiben konnten, bevor wir dann am nächsten die gut 20km nach Eskipazar zurücklegen konnten. Dort nahmen wir ein recht ordentliches Zimmer in einer Art Jugendherberge und warteten, bis mein Magen sich wieder beruhigt hatte. Dabei versuchten wir etwas Kontakt zu anderen Studenten aufzunehmen, die ebenfalls in unserer Pension untergebracht waren. Jedoch stellte sich heraus, dass selbst unter jungen Leuten Englisch hier kaum verbreitet ist und so mussten wir mal wieder auf unseren Freund und Helfer google translate zurückgreifen, um wenigstens ein paar Sätze austauschen zu können.

Glücklicherweise erholte ich mich relativ schnell wieder so weit, dass ich zumindest kürzere Etappen wieder in Angriff nehmen konnte. Die anhaltend schönen Landschaften ließen mich die kleinen Zipperlein schon bald vergessen und langsam wieder in den normalen Fahrrhythmus zurückkehren. Ganz allmählich merkten wir dann auch doch, dass wir jetzt auf einem anderen Kontinent unterwegs waren. Fuhren wir die ersten Tage noch durch wunderschöne Berglandschaften, die stark an die Alpen und das Voralpenland erinnerten, führte uns die Strecke zwischen Kastamonu und Hanönü durch eine Canyon-artige, sehr beeindruckende Natur. Nach Hanönü kamen wir an unzähligen Reisfeldern vorbei und konnten nun endlich doch glauben, dass wir tatsächlich in Asien waren. Bei Boyabat waren wir dann auch so auf die schöne Natur konzentriert, dass wir aus Versehen die falsche Abzweigung nahmen. Dies wurde uns jedoch erst klar, nachdem wir schon mehrere hundert Höhenmeter hinter uns gebracht hatten. Da die auch so schon anstrengend genug gewesen waren, beschlossen wir kurzerhand nun also dem Ungetüm ins Auge zu blicken und den steilen Anstieg über die Berge bis nach Gerze jetzt schon in Angriff zu nehmen. Von jedem zweiten Autofahrer durch kräftiges Hupen angefeuert, kämpften wir uns also die etwa 1000 Meter in die Höhe. Ein LKW-Fahrer hielt sogar an und bot uns an, die Fahrräder bei ihm einzuladen und ein kostenloses Taxi zum Gipfel zu nehmen, was unser Stolz dann aber doch nicht zuließ. Auch wenn uns auf dem Weg nach oben eventuell der ein oder andere Fluch über die Lippen kam, schafften wir es im Endeffekt doch und kamen vollkommen erschöpft aber wahnsinnig stolz in Gerze an, wo wir uns dekadent wie wir sind sogar eine richtige Pension für 25 Euro pro Nacht (für beide zusammen) gönnten.

Bis Georgien wird es jetzt wohl ein bisschen stressfreier und ohne Bergetappen vonstatten gehen. In Trabzon werden wir noch einmal einen Stopp einlegen um dort (hoffentlich) unsere Visa für den Iran im Konsulat abzuholen, die wir vor ein paar Tagen bereits online beantragt haben. Hoffen wir, dass das alles so läuft wie geplant!

 

 

 

Etappe 5: Bulgarische Grenze – Istanbul

Ach ja, Bulgarien – was soll man dazu sagen? Kein anderes Land hatte uns bisher durch so viele Höhen und Tiefen gejagt wie Bulgarien. Streckentechnisch hatten wir das Glück, unsere Route immer so legen zu können, dass wir meist über ruhigere Landstraßen und durch viele kleinere Ortschaften fahren konnten. Noch ganz berauscht von der Offenheit der Menschen in Serbien, gingen wir daher wie selbstverständlich davon aus, dass uns auch hier in Bulgarien die Menschen in den Dörfern und auf den Straßen freundlich grüßen und uns neugierig entgegentreten würden. Diese Naivität sollte jedoch rasch begraben werden. Statt eines freundlichen Lächelns bekamen wir meist nur grimmig Blicke zugeworfen, erstaunlich viele Menschen machten den Eindruck, als hätten sie schon um 10 Uhr morgens ein paar Bier zu viel intus und sobald wir in Vidin vor einem Supermarkt standen, wurden wir von einem Jungen angebettelt und unsere Fahrräder mit gierigen Augen angestarrt. Auch auf den Straßen begegneten uns etliche Kutschen, die von abgemagerten Pferden durch die Landschaft gezogen wurden und Familien mit häufig sechs oder sieben Kindern transportierten. Selbst als wir von uns aus mehr auf die Menschen zugingen und mit einem freundlichen „Dobr den“ versuchten, ihre Gunst zu gewinnen, kam selten etwas von ihnen zurück. Da wir uns noch nicht wirklich willkommen fühlten und Schwierigkeiten hatten, die Menschen in Bulgarien einzuschätzen, waren wir bei der Auswahl unsrer Wildcampingplätze (offizielle Campingplätze gab es im Umkreis mehrerer hundert Kilometer nicht und AirBnB’s wurden zu horrenden Preisen von bis zu 150 Euro pro Nacht angeboten) besonders penibel und planten unsere Tagesetappen extra so, dass wir unser Zelt abends immer an einer geschützten Stelle weit genug entfernt von Häusern und am besten noch im Schutz eines kleinen Waldes, aufschlagen konnten.

Die erste größere Stadt, die wir nach vier Tagen in Bulgarien ansteuerten, war Pleven. Wir freuten uns unwahrscheinlich, dass wir dort einen Warmshowers-Host gefunden hatten und erhofften uns dort vielleicht ein paar Antworten auf unsere zahlreichen Fragen zu Bulgarien zu bekommen. Kaum fuhren wir nach Pleven hinein, fühlten wir uns wie in ein anderes Land versetzt. Die Stadt machte einen überraschend bunten,  freundlichen und modernen Eindruck. Nach vier Tagen, in denen wir nur heruntergekommene Dörfer mit alten Leuten gesehen hatten, war diese Stadt und ihre Lebendigkeit eine wahre Wohltat! Unser Host für diese Nacht war der 21-jährige Aqib, der eigentlich aus Manchester kommt und in Pleven sein Medizin-Studium absolviert. Selbst Aqib schien nicht allzu  viel Kontakt zu einheimischen Bulgaren zu haben sondern mehr mit den anderen internationalen Studenten aus seinem Studiengang und seiner Uni zu unternehmen. Auch stand für ihn fest, dass er sofort nach England zurückkehren wollte, sobald er sein Studium beendet hätte. Dennoch konnte er uns einige interessante Dinge über Bulgarien erzählen, die uns einen besseren Eindruck von diesem Land verschafften: Zum Beispiel erklärte er, dass viele der Sinti und Roma in Bulgarien es ausnutzten, dass sie für jedes Kind finanzielle Unterstützung von der Regierung bekamen, und so einfach immer mehr Kinder in die Welt setzten anstatt sich ihren Unterhalt mit Arbeit zu verdienen. Diese Entwicklung führte zu wachsender Unzufriedenheit in der restlichen Bevölkerung und ließ die Anzahl der Sinti und Roma in den letzten Jahren rasant in die Höhe schnellen – eine scheinbar endlose Spirale. Auf Außenstehende mögen diese Worte etwas harsch und vielleicht auch politisch inkorrekt wirken. Fährt man jedoch täglich durch dieses Land, merkt man sehr deutlich, dass irgendetwas in der Bevölkerung brodelt und die Gesellschaft stark gespalten ist. Dieses Gefühl wollten wir näher erkunden und versuchen es hier möglichst objektiv und neutral widerzugeben.

Nach unserem Aufenthalt in Pleven bogen wir immer weiter ins Landesinnere und Richtung Süden ab. Je weiter wir uns von der rumänischen Grenze entfernten, desto mehr veränderte sich unser Eindruck von Bulgarien. Die Dörfer schienen gepflegter und belebter, wir sahen deutlich mehr junge Menschen auf den Straßen und bekamen sogar das ein oder andere Mal ein zaghaftes Lächeln zugeworfen. Etwas außerhalb von Veliko Tarnovo, der einstigen Hauptstadt Bulgariens, verbrachten wir einen Pausentag auf einem wunderschönen Campingplatz (http://www.campingvelikotarnovo.com/), der liebevoll von Nick und Nicky, einem britischen Pärchen, aufgebaut und geführt wurde. Hier konnten wir genug Kraft (und Kaffee) tanken um am nächsten Tag die erste richtige Bergetappe der gesamten Tour in Angriff zu nehmen.

Wir waren beide etwas nervös vor dieser Etappe, weil dieser Tag eine Art Feuertaufe für unsere Fahrräder und uns war und wir sehr unterschiedliche Informationen über die Straßen- und Verkehrsverhältnisse auf diesem Streckenabschnitt hatten. Im Nachhinein betrachtet waren alle Sorgen vollkommen unbegründet, aber das ist ja meistens so. Diese Tagesetappe sollte sich ironischerweise nämlich als die schönste der gesamten bisherigen Tour herausstellen. Der Weg führte auf fast unberührten Straßen durch wunderschöne Wälder, die sich immer wieder öffneten und dann einen unbeschreiblichen Ausblick auf das unter uns liegende Bulgarien freigaben. Die Steigung blieb konstant bei angenehmen 6-8% und ermöglichte es uns so, schnell in kühle, höher gelegene Gebiete zu kommen, bevor die Mittagshitze uns einholen konnte. Nach Wochen auf flachen und teils langweiligen Straßen entlang der Donau war diese Bergetappe ein wahres Juwel und zeigte uns das Potential, das definitiv in Bulgarien als Ferien- und Erholungsort liegt. Die beeindruckende, vielfältige Landschaft  würde etliche Möglichkeiten für Sport- und Freizeitaktivitäten bieten und wäre mit Sicherheit ein Schatz für alle, die keinen Pauschalurlaub in überfüllten Touristenorten mehr sehen können.

Doch schon wenige Stunden nachdem wir nach einer herrlichen Abfahrt den Berg überquert hatten und bei unserem Campingplatz ankamen, wurden wir wieder daran erinnert, warum der Tourismus hier in Bulgarien noch nicht so blüht wie er das vielleicht könnte. Die Campingplatzbesitzer hatten auf ihrer Homepage zwar ihren Campingplatz in den schönsten Worten beschrieben und sogar Öffnungszeiten angegeben, hatten jedoch freundlicherweise vergessen zu erwähnen, dass der Platz im April nur von Freitag bis Sonntag geöffnet hat. Hier standen wir nun also an einem Donnerstag (mal wieder) vor verschlossenen Türen und versuchten eine Alternativlösung zu finden, als ein Mann aus dem Tor heraustrat. Wir beknieten ihn, unser Zelt doch für eine Nacht hier aufstellen zu dürfen, und mit Hilfe seiner Frau, die übers Handy dolmetschte, konnten wir ihn am Ende tatsächlich überreden. So verbrachten wir also erneut als einzige Gäste auf dem gesamten Campingplatz eine Nacht in Bulgarien.

Beim nächsten Campingplatz in Alexandrovo hatten wir deutlich mehr Glück und wurden wie Familienmitglieder bei Sky und ihren Eltern Matt (aus England) und Keiko (aus Japan) aufgenommen. Wir fühlten uns hier so geborgen, dass wir uns nicht lange von Sky überreden ließen, noch einen Tag länge bei ihnen zu bleiben, und mit ihr am nächsten Tag nach Haskovo mitzukommen (siehe Video). Dieser Aufenthalt bescherte uns einen wunderschönen Abschluss unserer Bulgarien-Erfahrung und machte uns den Abschied von diesem Land trotz aller Schwierigkeiten, die wir damit gehabt hatten, dann doch schwerer als gedacht.

Auf so einer Reise bleibt jedoch nie viel Zeit um in Erinnerungen zu schwelgen oder der Vergangenheit nachzuhängen, bevor die nächsten Eindrücke und Erfahrungen schon auf einen einprasseln und so strampelten wir schon bald über die Grenze nach Griechenland. Innerhalb weniger Kilometer wurden wir hier von so vielen netten Menschen angesprochen, dass wir es fast bereuten, nur eine Nacht in diesem Land zu verbringen. Aber die Türkei wartete und wir waren heiß darauf, endlich die erste große Etappe unserer Tour abzuschließen, auch wenn wir zugegebenermaßen eine ordentliche Portion Respekt vor der Türkei hatten. Immerhin hatten wir nur die Infos, die zu dieser Zeit in den Medien herumgingen und waren tatsächlich etwas besorgt darüber, wie die Türken eventuell auf uns Deutsche reagieren könnten. Auch hier kann ich im Nachhinein nur wieder über unsere unbegründete Sorge lachen, aber wenn man am Zoll vor bis zum Anschlag bewaffneten, grimmigen Soldaten steht, wird einem doch mal kurz etwas anders zumute und man fragt sich, ob das hier eine gute Idee war. Die Einreise in die Türkei verlief jedoch problemlos. Die Zollbeamten kontrollierten sporadisch unser Gepäck und fragten, wo wir denn hin wollten. Als sie „Georgien“ hörten, reagierten sie ausgesprochen freundlich und wünschten uns sogar eine gute Reise.

Nach dem Zoll fuhren wir zügig durch die Stadt Edirne und folgten danach konstant einer zweispurigen Bundesstraße mit zum Glück breitem Seitenstreifen. Wir waren beide nach wie vor etwas nervös und versuchten wie immer, wenn wir in ein neues Land kamen, möglichst schnell einen ersten Eindruck von den Menschen und ihre Haltung uns gegenüber zu gewinnen. Wahrscheinlich waren wir hier besonders aufgeregt im Vergleich zu anderen Ländern, weil wir wussten, dass wir hier in der Türkei mindestens die nächsten sechs Wochen verbringen würden. Das war fast so lang wie die komplette bisherige Tourdauer und umso wichtiger war es für uns, uns in dem neuen Land wohl und sicher zu fühlen. Schon am nächsten Tag sollten jedoch all unsere Befürchtungen zu Luft verpuffen. Es fing damit an, dass wir kurz nach Lüleburgaz auf Mert trafen, der uns auf seinem Fahrrad die nächsten 50 km bis nach Corlu begleitete. Auf dem Weg dorthin hielt auf einmal ein Autofahrer vor uns auf dem Seitenstreifen und kam uns hektisch winkend entgegengelaufen. Wir dachten erst er wäre vielleicht ein Zivilpolizist und wolle uns von der Straße herunterscheuchen, doch auf einmal öffnete er den Kofferraum seines Autos, der über und über mit türkischen Delikatessen gefüllt war, drückte uns eine Rindersalami in die Hand, schüttelte uns die Hände und brauste dann auch schon wieder in seinem kleinen Auto davon.

In Corlu angekommen wollten wir das Erlebte bei einer gemütlichen Pause in einem Park erst einmal in Ruhe sacken lassen, doch auch daraus wurde nichts. Kaum hatten wir unsere Decke ausgebreitet, kamen zwei junge Mädchen zu uns und schenkten uns Gebäck sowie Tee. Keine 10 Minuten später kam eine Frau zu uns und fing auf einmal an mit einem breiten österreichischen Dialekt mit uns zu reden. Sie erzählte uns, dass ihre Eltern aus der Türkei stammen, sie aber in Vorarlberg geborgen und aufgewachsen ist und erst vor ein paar Jahren mit Mann und Kindern in die Türkei gezogen ist. Anschließend schenkte sie uns eine Flasche Cola und zog dann wieder von dannen. Übernachten taten wir an diesem Tag bei Melih, einem Warmshowers-Host, der früher selber einige Fahrradtouren durch die ganze Welt gemacht hat und jetzt vor rund einem Jahr seinen eigenen Fahrradladen in Corlu eröffnet hat. Wir verbrachten den Abend bei ihm und seinen Freunden im Fahrradladen, sprachen über das Reisen und die Türkei, bekamen dabei ein paar wichtige Infos für unsere weitere Tour und gingen zum Schlafen dann in die Wohnung seiner Eltern.

Da wir noch ein paar Tage Zeit hatten bis wir unser AirBnB in Istanbul beziehen konnten, machten wir nach Corlu einen Abstecher ans Mittelmeer und verbrachten dort zwei Tage auf einem Campingplatz in Silivri. Bei dieser Gelegenheit lernten wir Thomas aus Frankreich kennen, der sich vor gut einem Monat auf den Weg von Frankreich nach Kambodscha gemacht hatte. Er begleitete uns die letzten rund 100 km nach Istanbul. Dank unserer wundervollen Navigations-App gestaltete sich selbst dieser Abschnitt einigermaßen angenehm. Ganz vermeiden ließ es sich zwar nicht, über teils stark befahrene, mehrspurige Straßen zu fahren und sich in das Verkehrschaos Istanbuls zu stürzen, doch fanden wir oft auch angenehm ruhige Seitenstraßen und teilweise sogar offizielle Fahrradwege, auf denen wir in die 15-Millionen-Einwohner-Stadt rollen konnten. Und dann war er auf einmal da: Der Bosporus. Das Ende unserer ersten Etappe. Die letzten 2-3 Kilometer zu unserem Appartment schoben wir unsere tapferen Fahrräder durch die Menschenmassen und versuchten einerseits zu verarbeiten, was wir gerade erreicht hatten und gleichzeitig schon wieder die Millionen von neuen Eindrücken, die uns entgegen strömten, aufzunehmen. Ein konstante Herausforderung, die uns wohl auch auf der nächsten großen Etappe nach China noch ständig begleiten wird.

 

 

 

Etappe 4: Novi Sad – Bulgarische Grenze

Frisch geduscht und dank mehrerer serbischer Burger wieder voll bei Kräften, ging es von Novi Sad aus auf nach Belgrad. Bei unserer Mittagspause am Donauufer rannten wir aus Versehen mitten in einen Filmdreh und nutzten die Gelegenheit, um die serbischen Soap-Stars ein wenig unter die Lupe zu nehmen. Dank unserer erstklassigen Navi-App fanden wir über kleine Nebenstraßen sehr stressfrei nach Belgrad und konnten abends unser kleines aber feines AirBnB-Zimmer beziehen. Den Tag in Belgrad verbrachten wir mit dem klassischen Touri-Programm, besuchten das Nicola-Tesla-Museum und genossen das großartige Wetter bei einem (oder vielleicht auch mehreren) Eis im Park.

Viel zu schnell war auch dieser Pausentag wieder vorbei und so ging es schon bald weiter im gestreckten Galopp auf unseren Drahteseln. Dieser Tag sorgte dafür, dass wir beide endgültig zu großen Serbien-Fans wurden: Zuerst trafen wir Peter und seinen Hund (siehe Video), in der Mittagspause dann kam, kaum dass wir unsere Fahrräder abgestellt hatten, eine Frau mit ihrem Sohn zu uns und redete mehrere Minuten auf serbisch auf uns ein, obwohl wir kein Wort verstanden. Anschließend nahm sie noch ein Erinnerungsfoto und erklärte uns mit Händen und Füßen, dass in der Nähe ein Wasserhahn sei, an dem wir unser Wasser auffüllen könnten. Keine halbe Stunde kam ein älterer Mann zu uns und setzte sich wie selbstverständlich neben Sascha auf die Bank, als seien die beiden dickste Freunde. Auch er plauderte munter auf serbisch los und tatsächlich verstanden wir dank seiner anschaulichen Zeichensprache, dass er schon einmal mit dem Motorrad nach Budapest gefahren war und dass wir unbedingt an der Donau in ein Restaurant einkehren und dort eine Art Fischsuppe probieren sollten. Etwa 30km später, kurz bevor wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Wildcampingplatz machten, wurden wir auf einmal aus einem Auto heraus von einem jungen Mann etwa in unserem Alter angesprochen. Er fragte uns woher wir kämen, wie lange wir schon unterwegs seien und wohin die Reise denn gehen solle. Als er „Neuseeland“ hörte, verfielen er und seine 3 Begleiter in ein lautes Johlen und feuerten uns noch einmal kräftig an, bevor sie in ihrem altersschwachen Fiat an uns vorbei tuckerten. So viel Offenheit und Freundlichkeit an einem einzigen Tag mussten wir erstmal verarbeiten!

Der nächste Tag holte uns mit einem kräftigen Gegenwind (neuerdings Lord Voldepuff genannt) und schlechten Straßen dann aber doch wieder recht schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Das frühe Aufstehen stellte sich bald als nutzlos heraus, da die Fähre, mit der wir über die Donau übersetzen wollten, nur alle drei Stunden fuhr. Glücklicherweise hatten wir für solche Situationen inzwischen eine gute Grund-Gelassenheit aufgebaut und verbrachten die eine Stunde Wartezeit mit Lesen und Dösen. Auch ließen wir uns nicht sonderlich aus der Ruhe bringen, als sich abends herausstellte, dass unser Campingplatz, den wir im Internet aufgestöbert hatten, zu dieser Jahreszeit noch gar nicht geöffnet hatte. Da die Campingmöglichkeiten in der Umgebung doch sehr begrenzt waren, stellten wir einfach trotzdem unser Zelt dort auf und hofften, dass vielleicht doch noch jemand vorbeikommen würde. Am nächsten Tag trafen dann auch tatsächlich auf Milena, die Besitzerin des Campingplatzes. Ohne zu zögern und ohne der Tatsache Beachtung zu schenken, dass wir am Vortag quasi in ihren Campingplatz eingebrochen waren, lud sie uns in ihr Haus ein und plauderte bei einer Tasse Kaffee mehrere Stunden mit uns. Erst durch dieses Gespräch bekamen wir einen deutlich besseren Eindruck in das serbische Leben. Milena arbeitet eigentlich als Lehrerin, jedoch nur halbtags und auch das vielleicht nicht mehr lange, da aufgrund von akutem Schülermangel eventuell ihre Schule bald geschlossen werden muss. Deshalb hat sie letztes Jahr diesen Campingplatz eröffnet und versucht nun damit sich ein zweites Standbein aufzubauen. Wir redeten über so viele verschiedene Dinge, dass es schwer ist, hier alles wiederzugeben; unsere Gesprächsthemen umfassten alles von korrupten Politikern über arbeitsunwillige Jugendliche bis hin zur Flüchtlingskrise. Ein Punkt, der Sascha und mich sehr zum Nachdenken brachte, war, dass der Durchschnittslohn in Serbien bei nur rund 300 Euro pro Monat liegt; und das, obwohl die Preise für Lebensmittel hier fast gleich hoch sind wie in Deutschland. Da wundert es kaum, dass viele Menschen aus Serbien wegziehen und ihr Glück in anderen europäischen Ländern versuchen.

Gleich am nächsten Tag wurden wir während unserer Mittagspause in einem kleinen Café von einem Mann auf deutsch angesprochen. Es stellte sich heraus, dass er seit 1992 in Deutschland arbeitet und dort inzwischen eine eigene kleine Baufirma betreibt. Er bestätigte die Aussagen, die Milena bereits bezüglich des Durchschnittslohns und der wirtschaftlichen Situation in Serbien getroffen hatte. Ganz nebenbei verriet er uns auch noch, dass es aber angeblich selbst in Deutschland schwer sei sich über Wasser zu halten, wenn mann nicht ein bisschen nachhelfe. Deshalb hätte er nur ein paar seiner Angestellten als Vollzeitkräfte angemeldet und würde den Rest offiziell als 800€-Kräfte führen, obwohl auch sie natürlich Vollzeit arbeiteten. Das Ganze schilderte er auf so charmante Art und Weise, dass man das Gefühl bekam so ein kleiner Steuerbetrug  sei das Natürlichste auf der Welt. Erst im Nachhinein ging uns auf, dass das vielleicht doch ein kleines bisschen dreist ist, was er da macht.

Dennoch verbesserte auch diese Begegnung das sowieso schon positive Bild, das wir von Serbien hatten, nur noch mehr. Die freundlichen Menschen in Kombination mit einer tollen Landschaft und sehr fahrradtauglichen Straßen, machten die Tage in Serbien zu einem wahren Highlight. Das Einzige, was unseren Eindruck etwas trüben konnte, war der Umgang der Menschen dort mit Müll. Wie selbstverständlich wurden sämtliche Plastikflaschen, Müllbeutel, Stofffetzen, alte Klamotten und etliche andere Sachen einfach in der Natur entsorgt; egal ob im Fluss oder im nächsten Gebüsch. Teilweise sahen wir zwar Müllcontainer und auch -halden, doch diese waren stets überfüllt und anscheinend seit Jahren nicht mehr geleert worden. Obwohl wir Müllautos herumfahren sahen, die sogar laut Beschriftung von der EU gesponsert worden waren, scheint ein Umdenken bei den Menschen noch in weiter Ferne zu sein.  Jeder hier scheint sich sehr gut um seine eigenes Haus und Grundstück und alles, was ihm lieb ist zu kümmern. Doch auf alles darum herum wird kaum Rücksicht genommen. Nur wenige Menschen (eine davon ist Milena), scheinen das große Ganze zu sehen und auf ihre gesamte Umwelt Rücksicht zu nehmen sowie zu versuchen, Dinge im großen Stil zu verändern und dafür ein Netzwerk aufzubauen um andere mit ins Boot zu holen. Stattdessen erschienen uns die meisten Menschen sehr auf sich fixiert und mit wenig Phantasie für große Veränderungen.

 

 

 

 

Etappe 3: Wien – Novi Sad

Fünf Länder in elf Tagen – die dritte Etappe hat viel zu bieten! Nachdem wir unsere Erkältungen in Wien auskuriert haben, schwingen wir uns endlich wieder in den Sattel und kehren in den Reisemodus zurück. Zu Beginn vergessen wir gleich einmal, dass die Osterfeiertage anstehen und somit alle Geschäfte geschlossen sein werden. Ohne Proviant in den Taschen wird so wieder ein mal das gute alte McDonalds zu unserem Freund und Helfer in der Not, bei dem wir zumindest ein paar Croissants zum Frühstück kaufen können. Eine Tankstelle in der Slowakei hat noch ein paar trockene Sandwiches und so retten wir uns über die zwei Feiertage. Von der Slowakei selber bekommen wir zugegebenermaßen gar nicht allzu viel mit. Zum Einen, weil anscheinend alle Slowaken Ostern in den eigenen vier Wänden verbringen und so die Straßen in Bratislava und Umgebung wie ausgestorben sind und zum Anderen, weil ein kräftiger Rückenwind uns so schnell vorantreibt, dass uns kaum Zeit zum Schauen bleibt. Kaum fahren wir bei Sturovo über die Brücke, die gleichzeitig die Grenze zu Ungarn darstellt, als sich das Bild schlagartig ändert. Wir geraten mitten in ein feucht-fröhliches Straßenfest und in Heerscharen von Menschen, die sich am Fluss die Zeit vertreiben und die Sonne genießen.

In Budapest kommen wir auf einem sehr schönen und gepflegten Campingplatz etwas außerhalb des Zentrums unter. Den ersten Tag nutzen wir nur dafür, unsere Fahrräder zu pflegen, die nächsten Etappen zu planen und den nur 500 Meter entfernten Aldi zu plündern. Danach gibt es dann aber doch noch das volle Touri-Programm und nach einem mehrstündigen Rundgang durch Budapest sind wir beide komplett begeistert von der Stadt. Sie bietet eine unvergleichliche Mischung aus herrschaftlichen Prachtbauten, einer jungen und „hippen“ Studentenszene, aber auch sichtbaren Einflüssen aus Sowjetzeiten und einer bewegten Geschichte.

Aus Budapest heraus geht es erstaunlich einfach und reibungslos, was bei großen Städten keinesfalls immer gegeben ist. Danach geht es größtenteils auf ruhigen Landstraßen weiter. Auf der Etappe in Richtung der kroatischen Grenze führt der Weg über einen Damm, der unerklärlicherweise übersäht ist mit Wespen und anderen Insekten. Die Tierchen prasseln im Sekundentakt auf uns ein und stechen selbst durch unsere Kleidung durch. Nach nur wenigen Minuten sind unsere Nerven doch erheblich strapaziert und so sprinten wir die gesamten 15 Kilometer trotz Gegenwind wie die Bekloppten über den Damm, um möglichst schnell aus dieser Insektenzone herauszukommen. Völlig fertig erreichen wir die Fährstation, von der aus wir nach Mohacs übersetzen wollen. Bis das Schiff kommt, wollen wir uns im Schatten etwas ausruhen und ein bisschen dösen – doch schon wieder sind es Tiere, die uns daran hindern. Mit uns zusammen wartet ein riesiger Transporter auf die Fähre, der mit Schweinen beladen ist. Die Tiere scheinen zu merken, dass diese Reise wohl kein erfreuliches Ende nehmen wird und schreien und trampeln ununterbrochen, als wollten  sie dem ganzen lieber jetzt schon ein Ende setzen. Manche von ihnen sehen auch schon eher tot als lebendig aus. Irgendwann kommt die Fähre aber dann doch und so erreichen wir ein paar Stunden später dann auch die Grenze nach Kroatien.

Kroatien stellt sich für mich als die bisher größte Überraschung dieser Reise heraus – und das im positiven Sinne! Die Straßen sind ein Traum für jeden Fahrradfahrer, es sind so gut wie keine Autos unterwegs und die Landschaft ist wunderschön. Das Beste jedoch sind die Menschen: Sie winken uns vom Straßenrand aus zu, rufen uns aufmunternde Worte zu und feuern uns aus ihren Autos heraus an. Solch eine Warmherzigkeit von vollkommen fremden Menschen habe wir bisher noch nicht erlebt und schon bald wünschen wir uns, dass die Strecke noch länger durch dieses Land führen würde.

Doch auch die Menschen in Serbien begegnen uns sehr freundlich. Während einer Mittagspause in einem kleinen serbischen  Dorf kommt ein ca. 10-jähriger Junge zu uns und stellt sich als Alexandr vor. Er schenkt mir eine Blume, teilt sich mit uns unsere Erdnüsse und zeigt uns auf unserer Landkarte verschiedene Städte. Was es mit diesen Städten auf sich hat können wir allerdings nicht ganz herausfinden, da er munter auf serbisch erzählt und wir kein Wort verstehen. Erst als er plötzlich Saschas Armbanduhr sieht, kann er sich auf einmal an ein paar englische Wortfetzen erinnern, die er wohl in der Schule gelernt hat und versucht Sascha mit einem „pleaaaase“ und einem perfekt einstudierten Dackelblick dazu zu bewegen, ihm seine Armbanduhr zu schenken. Selbst nach mehrmaliger Verneinung und dem Versuch, das Thema zu wechseln, kommt er immer wieder auf die Uhr zu sprechen und gewinnt auf einmal auch immer mehr Interesse an unserem anderen Equipment. Irgendwann wird es uns dann doch zu bunt und so schwingen wir uns bald darauf wieder auf unsere Fahrräder um die letzten Kilometer nach Novi Sad in Angriff zu nehmen. Dort gönnen wir uns ein AirBnB-Zimmer und genießen einen Pausentag mit eigener Dusche und fließendem Wasser. Was für ein Luxus!